Teller und Rand
Teller und Rand
nd
ist der Podcast zu internationaler Politik. Andreas Krämer und Rob Wessel servieren einmal im Monat aktuelle politische Lagen aus der ganzen Welt und tischen dabei auf, was sich abseits der medialen Aufmerksamkeit abspielt: Links, kritisch, antikolonialistisch. Jeden Monat neu auf dasnd.de/tellerrand
Teller und Rand - Folge 8: Hoffnung am Horn von Afrika
Das Horn von Afrika ist in Deutschland vor allem durch die Anti-Piraten-Einsätze der Bundeswehr bekannt. Doch die Region ist weitaus komplexer als es oft den Anschein macht. Somalia, was an der Küste des Horns liegt, ist nicht als Ganzes von Terror und Chaos geprägt. Zum einen hat sich die Sicherheitslage in der Region um die Hauptstadt Mogadischu stark verbessert, zum anderen entwickelt sich das defacto unabhängige Somaliland im Norden immer mehr zu einem Anker der Stabilität und Sicherheit in der Region. Auf der anderen Seite der Grenze zum Nachbarland Äthiopien sieht die Situation anders aus. Im letzten Jahr konnte die Regierung unter Friedensnobelpreisträger Abiy Achmed nur mit militärischer Macht und Hilfe vom ehemaligen Feind Eritrea die Unabhängigkeit der nordöstlichen Tigray Region verhindern. Dabei sieht sich der im Westen gefeierte Premier immer mehr mit Vorwürfen der Menschenrechtsverletzungen und Massaker durch die Hände von Regierungstruppen konfrontiert, während der brutale Kampf gegen Guerrilla weitergeht. Die Hoffnung bleibt, dass die Konflikte der Region in Zukunft friedlich gelöst werden können. Somalia ist dabei schon auf einem guten Weg. Die Themen der Folge zum Nachlesen: Soldaten statt Hilfe für Somalia - Militäreinsatz am Horn von Afrika soll verlängert werden. Deutschland schiebt in das Kriegsgebiet ab Amnesty: Eritreische Truppen verüben Massaker in äthiopischer Region Tigray - Organisation wirft Angreifern »systematische« Tötung hunderter Zivilisten vor Warten in der Wüste - Über 20 000 aus Äthiopien Geflüchtete leben mit ungewisser Zukunft und unter katastrophalen Bedingungen in einem Lager im Sudan Außerdem: Islamisten verüben Anschläge in Somalia (dw.de) Stability at risk as Somalia and Kenya spat over sea border (dw.de) Ethiopia's Tigray conflict: World powers condemn 'human rights abuses' (bbc.com) Ethiopia's Tigray crisis: A rare view inside the conflict zone (bbc.com) Rückzug von eritreischen Truppen laut Ahmed (theguardian.com) Mein Somalia – Zwischen Krieg und Armut (Web-Doku/youtube) Origins of the Somali civil war (Reportage/youtube)
Apr 12, 2021
49 min
Teller und Rand - Folge 7: »Panzer helfen nicht gegen Klimawandel«
In Folge 7 sprechen Rob und Andreas über die Auslandseinsätze der Bundeswehr, ihre Ziele, ihre Aufgaben und ihre Effektivität. Einen besonderen Fokus wirft dabei ein Interview mit dem ND-Redakteur Daniel Lücking auf den Einsatz in Afghanistan. Vor nunmehr 30 Jahren begann der erste richtige Auslandseinsatz der Bundeswehr mit dem Jugoslawienkrieg. Über die Jahre haben sich die Truppen der Parlamentsarmee immer weiter auch in anderen Teilen der Welt verbreitet. Aktuell mit signifikanten Einsätzen im Kosovo, Somalia, Irak und Mail. Dabei sind über 3000 Soldat*innen in einem dieser Einsätze tätig. Seit 20 Jahren ist die Bundeswehr am Hindukusch in Afghanistan aktiv und hat einen dauerhaften Stützpunkt im Norden des Landes aufgebaut. Anfangs hat man die Taliban von der Macht verdrängt und musste seitdem das Land vor dem Zusammenbruch bewahren. Zweifelhaft ist, allerdings ob diese Aufgabe mit der aktuellen Strategie erfolgreich sein kann. Der Fokus auf die Ausbildung von Sicherheitskräften scheint dabei den Begebenheiten des Landes nicht zu genügen. Einerseits sind die inoffiziellen Funktionen des Einsatzes in Form von Überwachung des Mobilfunknetzes, der Sicherung von Rohstoffen und der Bekämpfung des Terrorismus erfolgreich genug, um den Einsatz fortzusetzen. Andererseits scheint es auch keine sinnvolle Exit-Strategie zu geben. Mit Blick auf die zahlreichen gescheiterten Aktivitäten der Bundeswehr im Ausland stellt sich viel mehr die Frage wie die Armee in Zukunft gestaltet werden kann. Die Idee einer Stärkung der humanitären Fähigkeiten und eine Abkehr eines militärischen Schwerpunktes, scheint weder von politischen Kräften noch von der Rüstungsindustrie gewollt zu sein, würde man so schließlich ein lukratives Geschäftsfeld aufgeben. Doch sind Fregatten und Panzer sinnvoll in einer Welt deren größten Bedrohungen Pandemien und der Klimawandel ist? Die Themen der Folge zum Nachlesen: Wider die Euphemismen - Daniel Lücking über Krieg und Frieden in der Linkspartei Zieht endlich ab - Die Nato-Mission in Afghanistan kann nicht gelingen Taliban-Sprecher: US-Soldaten müssen Afghanistan bis Mai verlassen - Radikalislamischen Taliban lehnen Verschiebung des geplanten US-Truppenabzugs aus Afghanistan strikt ab Bundesregierung will Afghanistan-Einsatz verlängern - Kabinett befasst sich am Mittwoch mit Vorlage Außerdem: UAPod - Podcast zum 1. Untersuchungsausschuss Technische Aufklärung - Der Podcast zum deutschen Geheimdienst-Untersuchungsausschuss Auslandseinsätze der Bundeswehr
Mar 8, 2021
52 min
Teller und Rand - Folge 6: »Lieber wütend als Heulen«
Die Folge 6 von Teller und Rand beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Südamerika. Einen besonderen Blick werfen Andreas und Rob dabei auf Kolumbien, Argentinien und Peru. Im Interview mit der Künstler*in und Aktivist*in mit dem Künstlernamen »La Papi Patacon« geht es dabei um die schwierige Situation Schwarzer Kolumbianer*innen, LGBTQI-Menschen und Indigenen. Peru steht kurz vor einer neuen Präsidentschaftswahl. Der letzte gewählte Präsident war bereits 2018 auf Grund von Korruptionsvorwürfen zurückgetreten und auch sein Nachfolger Martin Vizcarra wurden im November seines Amtes enthoben. Doch die Bevölkerung des Landes hat diesen Prozess nicht positiv aufgenommen und es folgten tagelange Massendemonstrationen in den großen Städten des Landes. Die führten schließlich zum Rücktritt des Übergangspräsidenten Merino. Das Land ist in einer Phase des Wandels, denn große Teiler der politischen Klasse stehen unter massivem Korruptionsverdacht. Die Peruaner*innen haben nun im April erneut die Chance zu zeigen, dass sie diese Klasse nicht mehr an der Macht sehen möchten. Argentinien hat als erstes Land in Südamerika Abtreibungen legalisiert. Dies ist das Ergebnis eines jahrelangen Kampfes der feministischen Bewegungen. Der neuen Präsident hat diese Gruppen durch die Legalisierung in seine Koalition geholt und nun das Versprechen eingelöst- trotz Widerspruch des argentinischen Papstes Franziskus. Dieser Schritt ist eine Meilenstein in der Entwicklung zu einer Stärkung der Rechte von Frauen in Südamerika und kann ein vielversprechender Anfang einer positiven Entwicklung sein. Trotz des Friedensvertrages der Regierung in Kolumbien mit den sozialistischen FARC-Rebellen 2016 sterben weiterhin jedes Jahre hunderte Menschen durch staatliche Gewalt. Besonders leiden Schwarze Kolumbianer*innen, LGBTQI-Menschen und Indigene. Diese Gruppen tuen sich immer stärker in einer gemeinsamen sozialen Bewegung zusammen, um sich gegen die Gewalt durch die Regierung aus Bogota zu wehren. La Papi Patacon erklärt genauer die schwierige Situation dieser Menschen und wie sie für Ihre Rechte kämpfen. Die Themen der Folge zum Nachlesen: »Genossen, wir marschieren hier für alle« - Bei den Novemberprotesten und den aktuellen Arbeitskämpfen in Peru sind Frauen sehr präsent »Sagasti ist ein demokratischer Ausweg« - Der Historiker Carlos Monge über Perus Krise und den neuen Präsidenten Argentinien erlaubt Abtreibungen - Historische Entscheidung nach jahrelangem Kampf der Frauenbewegung Fernández will sein Versprechen halten - Mit der Unterstützung des Präsidenten rückt in Argentinien Legalisierung der Abtreibung in greifbare Nähe Historische Abstimmung in Argentinien - Nach der Zustimmung der Abgeordneten zur Liberalisierung der Abtreibung sind nun die Senatoren gefragt Außerdem: Von den Folgen der Diktatur in den 1990er Jahren bis zur aktuellen Situation in Peru (eurasiareview.com) Neuer Präsident, alte Probleme: Peru und die Korruption (dw.de) Zum Rücktritt des Übergangspräsidenten Merino und den Protesten (lateinamerika-nachrichten.de) Argentinien: Die Revolution der Töchter (amerika21.de) »Es ist Gesetz«: Schwangerschaftsabbruch in Argentinien legal (amerika21.de) Frauenschutzzentrum für Landarbeiterinnen in Argentinien gegründet (amerika21.de)
Feb 10, 2021
57 min
Teller und Rand - Folge 5: King Bibi
Die erste Folge des Jahres 2021 beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem MAGREB und dem Nahen Osten. Einen besonderen Blick wirft Teller und Rand dabei auf West-Sahara und Israel. Im Interview mit Katharina Konarek, Politikwissenschaftlerin u.a. an der Universität Haifa, geht es dabei um die Neuwahlen in Israel und die Folgen des Nahost-Deals von Donald Trump. Mit den Deals zwischen den USA, verschiedenen arabischen Staaten und Israel geriet das kleine West-Sahara an der Nordwestküste Afrikas in eine ungewöhnlich prominente Rolle in internationalen Berichten. Die Menschen in diesen Streifen am Rand der Sahara-Wüste kämpfen schon lange um ihre Unabhängigkeit vom Besatzer Marokko. Durch die Anerkennung durch die USA und Israel führte dies zu einem weiteren Rückschlag in der Geschichte vernachlässigten Region. Im Gegenzug zur Anerkennung der Besetzung Westsahara durch Marokko erkannte der Nordafrikanischen Staat auch die Besatzung des Westjordanlandes durch Israel an. Auch andere Staaten wie Bahrain und die Vereinigten Arabischen Staaten haben im Zuge der Bemühungen des scheidenden US-Präsident Trump diplomatische Beziehungen mit Israel gestartet. Was aus israelischer Sicht oft positive bewertet wird, bekommt viel Kritik von arabischen Israelis und den Palästinensern des Westjordanlandes. Viele nehmen diese Schritte als Verrat wahr. Gleichzeit geht Israel in die vierte Wahl in 2 Jahren. Auch die Regierung Netanyahu/Gantz hat nicht lange gehalten. Nur sieht vieles anders aus als in den Wahlen zuvor. Nicht nur der Coronavirus hat die Grundvoraussetzungen verschoben. Nichtdestotrotz sieht der langjährige Premierminister Bibi Netanyahu erneut als voraussichtlicher Sieger aus. Die Themen der Folge zum Nachlesen: West-Sahara: »Die Sahrauis wollen keinen Krieg« Khadja Bedati über die Provokationen Marokkos und die Wirtschaftsinteressen in der Westsahara. Gefährliches Tor nach Europa - Immer mehr Migranten wollen über die Kanaren auf das Festland gelangen. The Middle East’s Dual ‘Occupations’: The Israel-Morocco peace deal underscores a double standard on the West Bank versus Western Sahara (The Wall Street Journal) Israel: Op-Ed des Knesset Abgeordneten Sami Abo Shehadeh (The Guardian) Interview: Noura Erakat Discusses Trump’s Bahrain-UAE-Israel Deal on Democracy Now! (Jadalliya) Israels Election System (Orient - Deutsche Zeitschrift fü Politik und Wirtschaft des Orients) Außerdem: Dis:Orient Haifa Center for German and European Studies
Jan 11, 2021
55 min
Teller und Rand - Folge 4: Ein schwieriger Spagat
Diesen Monat steht Teller und Rand ganz im Zeichen Chinas und seiner Position in der Region und der Welt. Dabei präsentieren wir zwei Interviews: Mit Stefan Liebich, MdB und China-Experte und Katharin Tai Wissenschaftlerin und Podcasterin zum Thema Südostasien. Nicht erst seit dem Rückzug der USA unter Trump von der Weltbühne bemüht sich die Volksrepublik um eine stärkere Rolle in der Welt. Bei Themen wie Armutsbekämpfung und dem Kampf gegen die Klimakatastrophe geht China voran und kann auch uns noch viel beibringen. Doch auch China setzt vermehrt auf imperialistische und machtpolitische Mittel um seine Position wirtschaftlich, politisch und militärisch zu stärken. Immer wieder wird dabei Völkerrecht und Menschenrecht brutal gebrochen, wie etwa in Hongkong und Xinjiang. Besonders Linke haben hier einen schwierigen Spagat zu schaffen. Denn wir wollen schließlich überall für Frieden, Freiheit und Menschenrechte eintreten, auch wenn es ein Staat wie China ist, der auf dem Papier einen sozialistischen und kommunistischen Anspruch hat. Wie geht man also mit diesem mächtigen Staat in der Mitte Ostasiens um? Irgendwo zwischen radikalen Bruch und enger Kooperation müssen nicht nur Linke, sondern alle liberalen Demokratien einen Umgang finden, der auch den Opfern der chinesischen Politik gerecht wird. Die Themen der Folge zum Nachlesen: Acht weitere Demokratie-Aktivisten in Hongkong festgenommen - Bei Verurteilungen nach dem »Sicherheitsgesetz« droht den Aktivisten mehrere Jahre Haft Hans Modrow zu China: Das Gerede von der chinesischen Seuche - Wie die Corona-Pandemie die Systemfrage sichtbar macht Es genügt nicht, Gegner der USA zu sein - Wie steht die Linkspartei zu China? Eine Erwiderung auf Hans Modrow Handel als Waffe - Von TPP und TTIP zu RCEP Außerdem: Veranstaltungsreihe zu China, ursprünglich als Gegenveranstaltung zum EU-China Gipfel geplant China und DIE LINKE (Spon) Erneuter Generalstreik in Indien: Diesmal zusammen mit Millionen Kleinbauern – vielleicht auch einmal erfolgreich? (labournet.de) RCEP: Asia-Pacific countries form world's largest trading bloc (BBC) Australian Politics Live Podcast (The Guardian) What is China's endgame? That's the question Australia has no answer to (The Guardian) Der Streit zwischen China und Australien eskaliert – was Deutschland daraus lernen kann (Handelsblatt)
Dec 7, 2020
57 min
Teller und Rand - Folge 3: Ein Putsch im Interesse der Bevölkerung
Trotz einer neuen Coronawelle hat die Welt nicht aufgehört sich zu drehen. Seit Wochen gibt es etwa Proteste in Nigeria gegen Polizeigewalt. Unter #ENDSARS protestieren tausende Menschen gegen die wahllose Gewalt der Anti-Überfall-Einheit (SARS) im Land. Die Gruppe wird dafür eingesetzt Überfälle zu verhindern, doch ist stattdessen bekannt für Folter und Gewalt gegen Unschuldige. Zynischerweise überfallen die Polizisten oft selbst junge Nigerianerinnen und nehmen ihnen Geld und Wertgegenstände unter Gewalt weg. Viele Nigerianerinnen haben verständlicherweise genug und gehen auf die Straße. Der Staat nimmt das allerdings nicht hin und setzt brutale Gewalt gegen die Proteste ein. Mitte Oktober gab es in Bolivien endlich die oft verschobenen Wahlen. Die waren nötig da der 2019 gewählte sozialistische Präsident Evo Morales der Wahlfälschung bezichtigt wurde, das Amt aufgab und nach Mexiko floh. Die Hoffnung der Rechten, die zwischenzeitlich ohne demokratische Legitimation die Macht an sich gerissen hatten, war die Wahl deutlich zu gewinnen und den Sozialisten den Todesstoß zu geben. Doch das ist nicht passiert – der sozialistische Kandidat Luis Arce gewann die Wahl mit großer Mehrheit und brachte so die Sozialistische Partei zurück ans Steuer im armen, aber rohstoffreichen südamerikanischen Land. Es bleibt die Frage, ob sich im ständigen Kampf der Sozialisten gegen die neoliberalen Eliten jemals einen dauerhaften Sieger finden wird. Nach dem Coup in Mali gegen Präsident Ibrahim Boubacar Keita, arbeitet die Zivilgesellschaft weiter an einer langfristigen Lösung für die schwierige Lage im Land. Anders als beim Coup der Dschihadisten 2012 ist der Regierungswechsel in diesem Jahr tatsächlich der Anstoß zu grundlegenden Veränderungen – und die sind in der gesamten Sahel-Zone bitter nötig. Die bisherigen Eliten haben zu viel Fokus auf die großen Städte gelegt und die Armut auf dem Land ausgeblendet. Gleichzeitig wird das Land von den Folgen des Klimawandels gebeutelt und die Regierungen wirken mehr als hilflos dagegen. Das alles bietet den Nährboden für islamistische Gruppen die Macht an sich zu reißen, in dem sie der Bevölkerung grundlegende Versorgung zusichern. Es liegt nun an der neuen Regierung in Mali diese Probleme anzugehen und den Boden für echte demokratische Prozesse zu bereiten. Im Mittelteil dieser TR-Episode sprechen wir mit Olaf Bernau von Afrique-Europe-Interact über all diese Dinge Die Themen der Folge zum Nachlesen: Nigeria: Lizenz zum Töten - In Nigeria wurde nach Protesten Polizei-Spezialeinheit aufgelöst Boliviens Hoffnungen ruhen auf Arce - Der ehemalige Wirtschaftsminister der Bewegung zum Sozialismus soll Konjunktur und Partei neu beleben Chile: Diktatur - Demokratur - Demokratie? - Martin Ling über das Plebiszit in Chile als ersten, wichtigen Schritt Außerdem: Afrique-Europe-Interact: Für einen friedlichen Sahel
Nov 9, 2020
49 min
Teller und Rand - Folge 2: Rache und Vertreibung
Auch dieser Monat lieferte wieder viel Diskussionsstoff am Tellerrand. Ende September brach der eingefroren Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die autonome Region Berg-Karabach mit aller militärischen Härte erneut aus. Hunderte tote Soldaten, zerstörte Häuser und verzweifelte Zivilisten sind die Folge des Ausbruchs der Gewalt im Jahrzehnte währenden Streit zwischen den ehemaligen Sowjetstaaten. Berg-Karabach, was vor allem von christlichen Armeniern bewohnt wird, steht unter starkem Beschuss der aserbaidschanischen Armee, die versucht das in den 1990er verlorene Gebiet für sich zurückzuholen. Dabei steht der türkische Präsident Erdogan eng an der Seite des Autokraten Allijew in Baku und sucht den Konflikt mit dem historischen Erzfeind Armenien – für eine osmanische Allianz vom Nahen Osten bis Zentralasien. Besonders kompliziert ist dabei die Rolle Russlands: Als Partner beider Länder versucht Moskau seit Wochen erfolglos zu vermitteln. Die EU steht derweil vor dem Scherbenhaufen ihrer gescheiterten Migrations- und Flüchtlingspolitik. Nach dem Brand in Moria auf Lesbos und der darauffolgenden humanitären Katastrophe, fehlt offenbar der Wille für eine schnelle Lösung. Langfristig hat die Kommission nun aber einen neuen EU-Migrationspakt vorgestellt. Der ist aber alles andere als eine Lösung zur Rettung der europäischen Werte oder der Überforderung der Mittelmeerstaaten. Stattdessen wird den rechten Regierungen in der Union ein Ausweg aus der Solidarität geebnet, der den Hass gegen Migranten nur noch verschärft. In Brasilien herrscht trotz der schwierigen Lage durch Corona immer noch der weit rechte Präsiden Jair Bolsonaro. Mit einer Mischung aus Lügen, Machismos und Korruptionsmüdigkeit konnte er sich 2018 bei der Präsidentschaftswahl durchsetzen und hat die Krise im Land nur noch verschärft. Er ist nicht der Hoffnungsschimmer gegen eine käufliche politische Elite, sondern ist viel mehr ihre Geburt. Nah am Militär, nah an den Oligarchen tut er genau das was das Land nicht braucht – mehr Chaos und mehr Ausbeutung der Armen und Schwachen. Die Themen der Folge zum Nachlesen: Armenien: Baku setzt auf das türkische Militär - Der Konflikt um Bergkarabach wird immer mehr zum Testfeld für modernste Kriegstechnik Armenien: Nato-Generalsekretär appelliert an Türkei - Anhaltender Beschuss auf Karabach-Hauptstadt Stepanakert Armenien: Eingefroren, neu entflammt - Im Karabach-Konflikt bleibt der EU nur die Zuschauerrolle Armenien: Großmacht auf dem Rückzug - Der armenisch-aserbaidschanische Konflikt beeinflusst die russische Innenpolitik / Experten befürchten Einflussverlust des Kremls im Kaukasus Brasilien: Schädliche Agrarinvestitionen - Umweltökonom Graziano Ceddia fordert strikte Regulierung des Kapitalzuflusses Brasilien: »Keine Warnung, sondern ein Befehl« - Weil sie über Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro berichtet, ist Patrícia Campos Mello eine der am meisten gefährdeten Journalist*innen der Welt Mehr zum US-Wahlkampf im ndPodcast »Max und Moritz« Außerdem: Gute Nachricht: Lebensraum von Schimpansen gerettet - Wald in Kamerun wird nach Protesten nicht abgeholzt (watson.de) Migrationspakt: How Germany could break the migration deadlock (ecfr.eu) Brasilien: Gericht beendet Strafverfahren gegen Lula da Silva im Fall Odebrecht (amerika21.de) Brasilien: Bolsonaro sichert seine Macht mit einem schmutzigen Deal (amerika21.de) Brasilien: Nach Rücktritt von Minister Moro droht der Regierung Bolsonaro das Ende (amerika21.de) Brasilien: The Edge of Democracy (Youtube/Netflix) Das Interview mit Marly Borges entstand in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung
Oct 12, 2020
43 min
Teller und Rand - Folge 1: Revolution oder Stillstand
Bewegte Wochen jenseits des Tellerrandes liegen hinter uns. Anfang August fand eine Präsidentschaftswahl in Belarus statt, die landesweite Massenproteste ausgelöst hat. Die Menschen im Land zwischen Polen und Russland scheinen die Wahlfälschung, Polizeiwillkür und das Versagen in der Corona Krise des Präsidenten Lukaschenko satt zu haben. Kandidatin Swjatlana Zichanouskaja musste nach Litauen fliehen will aber dennoch das Amt der Präsidentin übernehmen. In Sibirien kam es derweil zum Showdown zwischen lokalen Ärzten und dem Team des Oppositionellen Alexei Nawalny. Der oft als Gegenspieler Putins dargestellte Rechtsanwalt fiel nach einer mutmaßlichen Vergiftung ins Koma und wurde nach Konflikten über seine Transportfähigkeit in die Charité in Berlin gebracht. Derweil kam es in Mali zu einem Coup. Nach monatelangen Demonstrationen hat das Militär den Präsident Ibrahim Boubacar Keita gestürzt und will das Land nun gemeinsam mit Vertreter*innen der Oppositionsbewegung M5-RFP übergangsweise regieren. Nicht erst seit der Explosion von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut im Libanon ist das Land von Krisen, Terror, Krieg, internen Machtkämpfen und Korruption gebeutelt. Die wirtschaftliche Krise greift tief in den Alltag der Menschen ein und durch die strikt konfessionelle Aufteilung der Macht werden bestehende Eliten immer weiter gestärkt. Schon seit Oktober 2019 gingen tausenden Menschen auf die Straße, um Ihren Willen nach Veränderungen deutlich zu machen. Wenn nun die oppositionellen Kräfte der Zivilgesellschaft nicht das Heft in die Hand nehmen und für ein neues Systems streiten, kann es nur zwei Optionen geben: gewaltsame Revolution oder Stillstand. Die Themen der Folge zum Nachlesen: Belarus: Opposition organisiert sich - Politikerin und Lukaschenko-Gegnerin Maria Kolesnikowa will eine neue Partei gründen Belarus: »Diesmal ist alles anders« - Eine Aktivistin erzählt, warum es nach diesen Wahlen wirklich Hoffnung auf Veränderung gibt Belarus: Patt in Minsk - In Belarus wird seit fast zwei Wochen gegen Alexander Lukaschenko protestiert. Lange schien es so, als seien die Tage des Autokraten im Amt gezählt. Doch der Präsident ist noch nicht gescheitert Nawalny: »Wir leben mit dem Narrativ vom Gegner« - Kerstin Kaiser über den Fall Nawalny, die Krise in Belarus und das deutsch-russische Verhältnis Mali: Präsident kehrt nicht zurück - Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft akzeptiert widerwillig den Sturz von Ibrahim Boubacar Keita Mali: Ein untypischer Putsch - Oppositionsbewegung nimmt Angebot der Militärs für Übergangsprozess an Libanon: Krise als Geschäft - Die Explosion in Beirut und ihre Folgen zeigen, wer alles vom maroden Staatsapparat im Libanon profitiert Libanon: Im Vordergrund steht die Wut - Miriam Younes, Büroleiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Beirut, über die kritische Lage im Libanon Außerdem: Podcastempfehlung: »Linksdrehendes Radio« über die Wahlen in Belarus VOX: Wie Swjatlana Zichanouskaja in Belarus zum Symbol für eine demokratische Zukunft ihres Landes wurde disorient: Der Libanon steckt aktuell in der schwersten Staatskrise seit Ende des Bürgerkrieges 1990. Wie kam es dazu? Beobachtungen aus Beirut
Sep 7, 2020
47 min
Teller und Rand
Teller und Rand ist der neue linke Podcast der Tageszeitung »neues deutschland« zu internationaler Politik. Andreas Krämer und Rob Wessel servieren jeden Monat aktuelle politische Ereignisse aus der ganzen Welt und tischen dabei auf, was sich abseits der medialen Aufmerksamkeit abspielt. Links, kritisch, antikolonialistisch. Jeden Monat neu auf dasnd.de/tellerrand
Sep 3, 2020
48 sec