
In meinen Lungen warten noch so viele Worte,
die wichtig sind auf ihren Auftritt,
Doch das Zugfenster zwischen
uns lässt nur Lippenbewegungen zu.
So zufrieden wie nie und gleichzeitig
hätte ich von allem,
gerne noch mehr gehabt.
Noch eine Zigarette am
Küchentisch vor dem Schlafengehen.
Noch einmal jede deiner Bewegungen
in der zu engen Badewanne spüren,
während das Plätschern des Wassers
von den Badezimmer-Kacheln hallt.
Noch einmal dein verschlafenes Gesicht
nach dem Aufwachen sehen
und nicht sicher sein,
ob du im Schlaf sprichst,
oder bereits mit mir.
Noch einmal spüren,
wie sich unsere Hände in meiner
Manteltasche
berühren, während der Schnee unter
unseren Schuhen knirscht und
Hundegebell übers Feld klingt.
Noch einmal auf den Lehnen einer Parkbank
sitzen, weil die Sitzfläche selbst
voller Eis ist.
Eine Woche, war so lang
und viel zu kurz zu gleich.
Dein Lächeln fühlt sich an wie Trost,
deine Arme wie ein Heim.
Meine Schultern schmerzen weniger von dem Gepäck,
das ich mitnehme und mehr von dem,
das ich zurücklasse.
Ich versuche mir vorzustellen,
wie ich deine Hand wieder halte,
diesmal nicht in einer Manteltasche,
weil es dann wärmer ist und der Wind sich
mehr nach Lachen anfühlt, als nach Winter
und nach Sonnencreme und Sommer riecht.
Feb 27, 2021
1 min

Gedanken, so verschwommen
Wie weiße Hunde in sibirischem Schnee.
Die Luft undurchsichtig vom Regen,
der die Nähe meines Körpers sucht,
Wie Meteoriten den Einschlag:
Ein stürmisches Spiegelbild
der Unruhe in meinem Kopf.
Und zwischen der Unruhe,
Inseln der Konzentration:
Deine Haut, die die Kälte fernhält,
Wie ein Feuer am Waldrand.
Mein Bewusstsein, das mit allen Sinnen
Nach dir tastet, wie mit unterschiedlichen Händen,
Wie nach Bedeutung mit unterschiedlichen Sprachen,
Nach schlichten Wahrheiten, wie dem Moos
Auf den Küstenfelsen und dem Gras auf den Dünen,
Dem salzigen Wind, der deine Worte,
Jedoch nicht dein Lächeln verschluckt,
Während deine Füße unter den hochgekrempelten Hosenbeinen,
Zentimeter tief im Watt versinken.
Jan 17, 2021
1 min

Eine kurze Vorstellung
bis die Scheinwerfer
des vorbeifahrenden Wagens,
mich für Momente blind
in die Nacht entlassen.
Aus dem Lärm des Sturmes,
in die Stille unter den Wellen.
in die Stille,
in der Entscheidungen entstehen,
wie es anderswo Gefühle tun.
wie es anderswo Gedichte tun.
Die ein bereits zum Scheitern
verurteilter,
doch gerade deshalb schöner,
Versuch sind,
die verletzliche Oberfläche
der Wahrheit zu enthüllen,
auf eine Art, wie es die
zögerliche Sprache
eigentlich nicht kann:
konsequent wie es Autoscheinwerfer
tun:
zu hell, als dass,
Augen es sehen könnten
und zu schnell,
als dass es irgendwer verstünde.
Dec 11, 2020
1 min

Ehe vom Tag ein blasses Rosa bleibt,
Ehe der ausblutende Himmel blaugrau und
Dann Dunkel wird:
Die letzte richtige Glut des Jahres,
Die im gleichen Rot schimmert,
Wie jene Fragmente von Tagen,
Als die Sommersonne hinter den nur leicht
Geschlossenen Lidern
Leuchtete.
Und diese Ähnlichkeit,
Spannt eine Brücke aus Assoziationen
über die Zeit,
Zu den verschwommenen Umrissen,
Eines nur wenig jüngeren,
Doch so ganz anderen Selbsts,
Die man wie ein unscheinbares Fossil
Am Straßenrand aufliest,
In der Klarheit eines fragilen Moments.
Ehe der Tag in sich zusammenstürzt,
Weil der Himmel zu leicht ist, ihn zu halten,
Und die Straßenlaternen,
Welten mit viel kleinerem Radius auf das
Pflaster zeichnen,
So, dass zwischen Schritten,
Kontinente liegen.
Dec 7, 2020
1 min

Zeit verstehen können nur die Uhren,
doch dem Menschen ist sie fremd,
der sich in ihr bewegt wie auf einem Jahrmarkt:
Der Abend ist jung, alles ist einfach.
Aber was deutlich war, verschwimmt zu
Einer Welt im Vorübergehen.
Zuckerwatte knistert lauter
als Auto-Scooter zusammenstoßen
und
Gebrannte Mandeln, die nach Karamell schmecken,
Lebkuchen, der nach Honig riecht,
Sägespäne, die unter den Schuhsohlen wispern,
das alles ist eins und doch für sich,
so wie das Gefühl,
dass es in den nächsten Tagen noch regnen wird.
Erleichterung für unsere Seelen
die vor den Küsten in der Luft baumeln,
dort mit den Triebwerken der Flugzeuge tanzen.
Die Welt nimmt unsere Farbe an,
unseren Geruch und unseren Klang
und wo die Wellen an den Küsten brechen
finden sich im Rauschen unsere Stimmen.
Die unverständliche Zeit ist alles was wir haben
und der Himmel, der an Regentagen blutet,
damit wir nicht in ihm ertrinken.
Aug 28, 2020
1 min

Die Märchen die,
die Henker dieser Stadt ihren Kindern
vor dem Schlafen vorlesen,
Sind die gleichen wie die von allen Eltern.
Die von glücklichen Ehen und absoluter Autorität.
Die, dass Eltern irgendetwas anderes wären,
Als fehlbare, sterbliche, gewöhnliche Menschen,
Die am Ende selbst vorm Henker stehen.
Dass du dein Glück schon in den Händen hältst,
Wenn du nur hart genug daran arbeitest.
Dass wir in einer Welt lebten,
In der wir alle gleich sind.
Glückliche Familien sind alle gleich.
Aber hinter verschlossenen Türen
Ist dieses Glück ein fragiles Gut.
Und dennoch gibt es so etwas wie vollkommene Tage.
Ich denke an die Möglichkeiten.
Ich denke an die Welt da draußen:
An Fledermäuse, die sich an Kakteen hängen,
wie Vorhänge an die Fenster in unserem Schlafzimmer.
Mein Lächeln gilt dem nächsten Tag.
Auch wenn es Tage, Wochen dauert.
Selbst heiße Wüstenluft ist frisch,
Wenn sie beim Steigen nicht an Zimmerdecken stößt.
Kerim Mallée
Jul 11, 2020
1 min

Zeit ist launisch,
Wankelmütig und auch sprunghaft.
Sie schleicht, versteckt sich und verschwindet,
Verweilt und begegnet uns von neuem.
Ich fand meine alten Tagebücher
Und ich fand mich im Gespräch,
Mit einem jüngeren Selbst.
All die Veränderungen die ich übersah,
Weil sie schleichend stattfanden,
Nicht sprunghaft,
Waren deutlich, denn es war,
Als wär’ ich selbst in der Zeit zurückgesprungen.
Einsamkeit ist keine Folge räumlicher Entfernung,
Sondern ein Produkt der Zeit.
Wir vermissen Menschen nicht,
Weil sie weiter von uns entfernt sind als andere,
Sondern weil sie jetzt nicht da sind, wo wir sind.
Ich schließe wieder Freundschaft mit einem
fremden Gestern und finde meine Worte dort stehen,
wo ich sie zuletzt verließ.
Diese Bücher sind eine Welt im kleinen,
Die schnell riesig wird,
Weil man sich in ihr auf Zehenspitzen bewegt,
So seltsam darin geht, wie in einem neuen Paar Schuhe,
Oder wie die pinken Flamingos durchs blaue Wasser schreiten,
Und sich gleichzeitig so vertraut fühlt,
Wie beim Gedanken an einen lieben Menschen,
Wie bei Regentropfen auf der Haut und der
Frischen Luft, die einen Raum flutet.
Kerim Mallée
Jun 22, 2020
1 min

Durch die offenen Fenster dringt die kühle Luft
des Tages nach dem Regen,
darin klingt der Verkehrslärm sanfter und freundlicher.
Statt dem trockenen Staub der Baustellen,
von dem sonst am Ende der Woche die Fenster wieder trübe sind,
steigt der butterweiche Geruch von Löwenzahn herauf,
der in den Bordsteinfugen und den winzigen Grünflächen
am Straßenrand, den Regentau im Wind abschüttelt.
Rechts: Der Weg zum Wald, wo die Geräusche schwächer,
aber der Duft des Regens stärker wird.
Links: Die Straßenbahn-Station ins Herz der Stadt,
das vorübergehend leise schlägt,
doch schlägt.
Und wenn man die Straße überquert,
den Hügel hinabgeht,
dann kommt man zum Bahnhof,
wo Züge warten,
wie ein versprochenes Wiedersehen mit Freunden,
deren Lachen irgendwann wieder so deutlich klingen wird,
wie jetzt das Geräusch der abfahrenden Straßenbahn.
Kerim Mallée
May 25, 2020
1 min

Der Gedanke ans Meer ist mir ein Trost:
Irgendwann wieder barfuß,
mit hochgekrempelten Hosenbeinen
Durchs kühle Watt zu stapfen.
Dabei die Socken trocken in den Schuhen wissend,
dort wo die Wellen noch nicht dunkel
den Sand geglättet haben.
Die Luft riecht salzig und nach Algen,
in meinen Ohren ab und an ein Möwenschrei,
Klebriger Sand an meinen Füßen
und auf der Haut der raue Wind.
Unsichtbar in der Ferne:
Strände fremder Küsten,
an denen Menschen gehen, die Dänisch
oder Englisch sprechen,
doch was ich gerade fühle,
haargenau verstehen.
Kerim Mallée
May 8, 2020
49 sec

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung,
Ein sehr langer Begriff, um die Grundproblematik
meines Alltags auszudrücken:
Mein Stoffwechsel baut Dopamin schneller ab,
Als bei anderen Menschen.
Ohne Medikamente geht mir bei den meisten Tätigkeiten,
Auf halber Strecke der Sprit aus.
Medikamente helfen zu funktionieren.
Das Schreiben hilft mir auch dabei.
Papier ist gnädig, es erinnert leichter.
Die Worte verschwinden nicht, nur weil du kurz an
Etwas anderes denkst.
Jedes geschriebene Wort ist wie ein weiterer Haken,
Den man in die Felswand klopft an der man mühselig entlang
Kraxelt. Wie ein weiterer Schützengraben,
Den man ins Niemandsland schaufelt,
Hinter dem für mich der Wunsch liegt,
Noch mehr und noch weiterzuschreiben.
Also habe ich geschrieben,
Ich habe das Blut vergifteter Gedanken,
Aufs Papier tropfen lassen, um es von meiner Seele fernzuhalten.
Wie passend, dass Tinte ebenfalls in Patronen kommt.
Sie ist keine gewöhnliche Flüssigkeit:
Dunkel und undurchsichtig, aber vermag es, Klarheit zu schaffen.
Und was auf dem Papier wächst, blüht schöner,
Als es in Vasen jemals blühen könnte.
Kerim Mallée
Apr 27, 2020
1 min
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