Visionäre der Gesundheit
Visionäre der Gesundheit
Visionäre der Gesundheit
Wir sprechen mit inspirierenden Persönlichkeiten über ihre Vision der Zukunft der Gesundheit.
Maud Pennaneach über Produktentwicklung im Gesundheitswesen – wie Doctolib Praxissoftware konsequent nutzerzentriert entwickelt
In dieser Folge des Podcasts Visionäre der Gesundheit spricht Gastgeberin Inga Bergen mit Maud Pennaneach, Vice President Product bei Doctolib. Im Mittelpunkt des Gesprächs steht die Frage, wie moderne Praxissoftware entstehen kann, die den Alltag von Ärzt:innen, MFA und Patient:innen wirklich entlastet – und welche Rolle Produktentwicklung, Nutzerzentrierung und Künstliche Intelligenz dabei spielen. Das Gespräch bietet einen seltenen Einblick in die reale Produktentwicklung im Gesundheitswesen. Es zeigt, wie aus Nutzerbeobachtung, technologischer Innovation und jahrelanger Detailarbeit eine Praxissoftware entsteht, die echte Entlastung verspricht. Maud Pennaneach ist Vice President Product bei Doctolib und verantwortet dort die Entwicklung der Lösungen für medizinische Fachkräfte. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Praxissoftware und darauf, digitale Produkte so zu gestalten, dass sie den komplexen Alltag in Arztpraxen realistisch abbilden. Ursprünglich aus Frankreich stammend, arbeitet Maud Pennaneach seit mehreren Jahren intensiv am deutschen Gesundheitsmarkt. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie über vier Jahre hinweg eine neue, vollständig integrierte Praxissoftware aufgebaut – von der ersten Idee bis zum produktiven Einsatz in echten Praxen. Ihr Anspruch: Technologie soll nicht zusätzlich belasten, sondern konkret Zeit sparen, Stress reduzieren und die Versorgung verbessern. Ausgangspunkt: Ein Gesundheitssystem am Wendepunkt Zu Beginn des Gesprächs macht Maud Pennaneach deutlich, warum das Thema Praxissoftware heute so relevant ist. Der Versorgungsbedarf steigt seit Jahren, gleichzeitig herrscht Fachkräftemangel und enormer administrativer Druck. Ärzt:innen und MFA verbringen täglich viele Stunden mit Dokumentation, Abrechnung und Koordination. Genau hier setzt die Produktvision von Maud Pennaneach an: Technologie soll sowohl der Gesundheit der Menschen als auch der „Gesundheit des Systems“ dienen. Der Anspruch lautet nicht Digitalisierung um der Digitalisierung willen, sondern echte Entlastung im Alltag. Die Idee hinter der neuen Doctolib-Praxissoftware Aus dieser Problemstellung heraus entstand eine All-in-One-Lösung, die den gesamten Patient Journey abdeckt – ohne Medienbrüche. Maud Pennaneach beschreibt, dass Termine, digitale Anamnese, klinische Dokumentation, Abrechnung und Nachbereitung in einem System zusammenlaufen. Ziel war es, ein Produkt zu entwickeln, das selbst von neuen MFA intuitiv genutzt werden kann, ohne ständig zwischen verschiedenen Programmen wechseln zu müssen. Benutzerfreundlichkeit und durchgängige Workflows standen dabei von Anfang an im Fokus. Zeitgewinn durch Automatisierung und KI Ein zentrales Thema im Gespräch mit Inga Bergen ist der konkrete Zeitgewinn durch Digitalisierung. Maud Pennaneach erläutert, dass Praxen durch die Automatisierung administrativer Aufgaben bis zu 20 Stunden pro Woche sparen können – perspektivisch sogar 10 Stunden allein durch KI-Assistenten. Besonders unterschätzt werde, wie viel Zeit täglich für Formulare, Nachfragen und Nachdokumentation verloren geht. Genau hier sieht Maud Pennaneach enormes Potenzial für spezialisierte, zertifizierte KI-Lösungen im Gesundheitswesen. Die KI-Assistenten: Telefon, Sprache und Abrechnung Maud Pennaneach stellt im Detail drei KI-Assistenten vor, die bereits in der Praxissoftware integriert sind. Der KI-Telefonassistent übernimmt rund um die Uhr eingehende Anrufe, erkennt Anliegen wie Terminwünsche oder Rezeptanfragen und fasst diese strukturiert für das Praxisteam zusammen. Dadurch entfallen bis zu 60 % der telefonischen Unterbrechungen, ohne dass Anfragen verloren gehen. Ergänzt wird dies durch einen KI-Sprachassistenten, der während der Behandlung mithört, relevante medizinische Informationen filtert und automatisch strukturiert dokumentiert – inklusive Diagnosen und korrekter Terminologie. Der dritte Baustein ist der KI-Abrechnungsassistent, der durch tausende Abrechnungsregeln navigiert und passende Ziffern vorschlägt. Ziel ist es, den Dokumentationsaufwand am Tagesende drastisch zu reduzieren, ohne die ärztliche Kontrolle aus der Hand zu geben. Koordination im Praxisalltag neu gedacht Neben KI spielt auch die interne Organisation eine große Rolle. Maud Pennaneach beschreibt Funktionen wie den Patient Navigator, mit dem sich auf einen Blick erkennen lässt, wo sich Patient:innen im Behandlungsprozess befinden. Ergänzt wird dies durch einen intelligenten Task Manager, der Aufgaben strukturiert erfasst, sowie durch Doctolib Connect als internes Kommunikationswerkzeug. Zusammen ersetzen diese Funktionen Zettelwirtschaft, Zurufe und parallele Systeme – und senken spürbar den Stress im Alltag. Produktentwicklung aus der Praxis heraus Ein besonders spannender Teil des Gesprächs dreht sich um die Frage, wie eine so komplexe Software überhaupt entwickelt werden kann. Maud Pennaneach betont, dass ihr Team unzählige Stunden direkt in Praxen verbracht hat. Unterschiedliche Fachrichtungen, Praxisgrößen und Arbeitsweisen mussten verstanden werden. Hinzu kamen regulatorische Anforderungen, Zertifizierungen und Abrechnungsvorgaben. In Workshops mit MFA und Ärzt:innen wurden komplette Workflows mit Post-its nachgebaut, analysiert und iterativ verbessert. Überraschungen, Lernkurven und der Moment der Gewissheit Trotz jahrelanger Vorbereitung gab es immer wieder Überraschungen. Maud Pennaneach erzählt, dass neue Gespräche mit Nutzer:innen regelmäßig zusätzliche Sonderfälle offenbarten, die berücksichtigt werden mussten. Der entscheidende Moment kam mit der Pilotphase: Als die erste Praxis vollständig migriert wurde und das System im Echtbetrieb lief, wurde aus Theorie Realität. Das direkte Feedback der Nutzer:innen bestätigte, dass die Richtung stimmt – auch wenn es weiterhin Optimierungsbedarf gibt. Agilität statt Perfektion Ein zentraler Erfolgsfaktor ist laut Maud Pennaneach die Geschwindigkeit. Feedback aus Praxen fließt direkt in die Weiterentwicklung ein, Verbesserungen werden oft innerhalb weniger Wochen live geschaltet. Diese Agilität erleben viele Nutzer:innen als echten Kulturwandel im stark regulierten Gesundheitswesen. Nicht Perfektion beim Launch zählt, sondern kontinuierliche Verbesserung im Betrieb. Blick nach vorn: KI als Schlüssel für bessere Versorgung Zum Abschluss blickt Maud Pennaneach nach vorn. Sie ist überzeugt, dass KI künftig einen Großteil administrativer Aufgaben übernehmen kann. Gleichzeitig sieht sie großes Potenzial darin, medizinisches Wissen, Studien und Patientendaten intelligent zusammenzuführen. Voraussetzung dafür bleibt jedoch saubere, strukturierte Daten. Gelingt das, kann KI nicht nur Zeit sparen, sondern auch die Qualität der Versorgung nachhaltig verbessern. Der Beitrag Maud Pennaneach über Produktentwicklung im Gesundheitswesen – wie Doctolib Praxissoftware konsequent nutzerzentriert entwickelt erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Jan 22
39 min
KI in der Medizin –  Wie sich Medizin gerade grundlegend verändert
In der zweiten Folge ihres KI-Doppels sprechen Inga Bergen und Sven Jungmann sehr konkret darüber, was Künstliche Intelligenz heute bereits für Patient:innen bedeutet – und wie stark sie Erwartungen, Rollenbilder und das Arzt-Patienten-Verhältnis verändert. Das Gespräch bleibt dabei nicht abstrakt, sondern lebt von Studien, Anekdoten aus der Praxis und ehrlichen Widersprüchen. Genau das macht diese Episode so hörenswert. Von „Dr. Google“ zu ChatGPT: informierte Patient:innen als neue Realität Zu Beginn zeichnen Inga und Sven nach, wie sich der Umgang mit Information verschoben hat. Während Ärzt:innen früher vor allem „Dr. Google“ kritisch gegenüberstanden, stehen sie heute einer ganz anderen Qualität von Vorbereitung gegenüber. KI-Systeme wie ChatGPT ermöglichen es Patient:innen, ihre Symptome, Befunde und Krankengeschichten strukturiert auszuwerten – oft deutlich tiefergehend, als es in einem 15-minütigen Arztgespräch möglich wäre. Dadurch verändert sich nicht nur das Informationsniveau, sondern auch die Erwartungshaltung an medizinisches Personal. Was Ärzt:innen oft nicht sehen – und warum KI das sichtbar macht Inga macht früh deutlich, dass viele Ärzt:innen gar nicht wissen, wie intensiv sich Patient:innen bereits heute vorbereiten. Ob Nahrungsergänzungsmittel, alternative Therapien oder eigene Recherchen: Ein Großteil davon wird nicht offen angesprochen. KI könnte hier paradoxerweise für mehr Transparenz sorgen, weil Patient:innen mit konkreten Fragen, Hypothesen und sogar Therapieoptionen in die Praxis kommen. Ein eindrückliches Beispiel ist der Fall eines Patienten, der seine komplette Krankenakte in ChatGPT analysieren ließ – und damit einen klaren Paradigmenwechsel auslöste. Zahlen, die aufrütteln: Vertrauen, Nutzung und Widersprüche Studien und Umfragen unterstreichen diese Dynamik. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung nutzt KI bereits für Gesundheitsfragen, viele bewerten ihren Einsatz in der Medizin grundsätzlich positiv. Gleichzeitig zeigt sich ein Widerspruch: Patient:innen vertrauen Ärzt:innen statistisch weniger, wenn diese offen angeben, KI einzusetzen. Die Diskussion macht klar, dass hier weniger Technikfeindlichkeit als vielmehr Unsicherheit mitschwingt – etwa die Sorge, Ärzt:innen könnten sich zu stark auf Systeme verlassen oder diese nicht kompetent genug bedienen. Wenn KI besser diagnostiziert als Mensch und Maschine zusammen Besonders nachdenklich stimmt die Diskussion um Studien, in denen KI bei komplexen Fällen bessere Ergebnisse erzielt als Ärzt:innen – und sogar besser als Ärzt:innen mit KI-Unterstützung. Das stellt die klassische Arbeitsteilung infrage. Sven und Inga diskutieren offen, ob Ärzt:innen derzeit eher „Bremser“ als Verstärker der KI sind, weil sie deren Potenzial noch nicht richtig in ihre Entscheidungsprozesse integrieren können. Schatten-KI im Klinikalltag: zwischen Risiko und Notwendigkeit Ein TikTok-Beispiel aus der Notaufnahme verdeutlicht, wie Realität und Regulierung auseinanderklaffen. Ärzt:innen nutzen KI informell, oft aus purer Notwendigkeit heraus, etwa bei Überlastung oder fehlender Supervision. Dieses Phänomen der „Schatten-KI“ zeigt, dass KI längst Teil des Alltags ist – unabhängig davon, ob Organisationen darauf vorbereitet sind oder nicht. Wenn Patient:innen genauer hinschauen als Ärzt:innen Anhand mehrerer Praxisbeispiele wird deutlich, wie sich Macht- und Vertrauensverhältnisse verschieben. Patient:innen prüfen Laborwerte selbst nach, hinterfragen Aussagen und erwarten Erklärungen auf Augenhöhe. Fehler oder Nachlässigkeiten fallen dadurch schneller auf. Die Folge: Wer als Ärzt:in keine KI nutzt, könnte künftig eher als unsorgfältig wahrgenommen werden – nicht umgekehrt. KI als Chance bei seltenen und komplexen Erkrankungen Besonders eindrucksvoll sind die Beispiele aus der Neurologie und Onkologie. KI-Systeme helfen, Differenzialdiagnosen zu identifizieren, auf die erfahrene Fachärzt:innen nicht gekommen wären. Gerade bei seltenen Erkrankungen oder ungewöhnlichen Symptombildern zeigt sich, dass menschliche Expertise und KI sich sinnvoll ergänzen können – wenn man sie richtig einsetzt. Die eigentliche Aufwertung: Kommunikation, Beobachtung, Beziehung Ein zentraler Gedanke der Folge ist, dass medizinisches Wissen durch KI „billiger“ wird – und damit andere Fähigkeiten an Wert gewinnen. Kommunikation, Empathie, Beobachtungsgabe und das Erfassen des Ungesagten rücken stärker in den Fokus. Inga und Sven machen klar: Die Ärzt:innen der Zukunft werden weniger über reines Faktenwissen definiert, sondern über ihre Fähigkeit, Menschen zu verstehen, einzuordnen und durch ein komplexes System zu begleiten. Navigation durch das Gesundheitssystem als neue Kernaufgabe Über das einzelne Gespräch hinaus wird auch der Weg durch das Gesundheitssystem thematisiert. Termine, Facharztüberweisungen, Therapien, Krankenkassen – all das überfordert viele Patient:innen. KI kann hier unterstützen, doch gleichzeitig wächst der Bedarf an menschlicher Begleitung. Medizinische Arbeit wird dadurch breiter, nicht kleiner. Effizienzgewinne und neue Erwartungen KI kann Ärzt:innen massiv entlasten – etwa bei Dokumentation, Verwaltung und Kommunikation. Diese gewonnene Zeit schafft Spielraum für bessere Versorgung. Gleichzeitig steigen jedoch auch die Erwartungen der Patient:innen: Sie wollen gesehen, verstanden und ernst genommen werden. Effizienz allein reicht nicht mehr. Fazit: KI wird Teil der Aufklärungspflicht Am Ende wird deutlich: KI ist kein optionales Extra mehr, sondern Teil des medizinischen Werkzeugkastens – und damit auch Teil der ärztlichen Verantwortung. Ärzt:innen müssen künftig nicht nur über Medikamente und Eingriffe aufklären, sondern auch über den sinnvollen und kritischen Einsatz von KI. Wer sich darauf einlässt, kann die Arzt-Patienten-Beziehung stärken. Wer es ignoriert, riskiert Vertrauen. Diese Folge lohnt sich für alle, die verstehen wollen, warum KI nicht das Ende der Medizin bedeutet, sondern ihren Kern neu definiert. Sie zeigt ehrlich, wo Unsicherheiten liegen, und macht gleichzeitig Mut, die eigene Rolle aktiv weiterzuentwickeln. Wer wissen will, wie Medizin im KI-Zeitalter wirklich aussieht, sollte unbedingt reinhören. Der Beitrag KI in der Medizin – Wie sich Medizin gerade grundlegend verändert erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Dec 25, 2025
26 min
Wie Patient:innen KI für ihre Gesundheit nutzen können
– mit Sven Jungmann & Inga Bergen Der Ausgangspunkt des Gesprächs liegt in einer gemeinsamen Beobachtung: Immer mehr Patientinnen und Patienten interessieren sich für KI, spüren das enorme Potenzial, sind gleichzeitig aber verunsichert. Zwischen Hoffnung, Neugier und Angst entsteht ein Spannungsfeld, das im Gesundheitswesen bislang kaum strukturiert aufgegriffen wird. Inga Bergen und Sven Jungmann wollen genau hier ansetzen. In dieser ersten von zwei Crossover-Episoden erklären sie, wie KI heute schon sicher, sinnvoll und selbstbestimmt von Patient:innen genutzt werden kann – nicht als Ersatz für Ärzt:innen, sondern als Werkzeug für bessere Kommunikation, mehr Verständnis und mehr Selbstwirksamkeit. KI als Übersetzer zwischen Medizin und Patient:innen Ein zentrales Thema der Folge ist die Kommunikationslücke im Gesundheitswesen. Medizinische Sprache ist komplex, Arztbriefe sind nicht für Patient:innen geschrieben und Gespräche bleiben oft unvollständig im Gedächtnis. KI kann hier eine Schlüsselrolle übernehmen. Anhand konkreter Beispiele zeigen die Hosts, wie man Arztbriefe – datenschutzkonform anonymisiert – mit KI verständlich erklären lassen kann. Dabei geht es nicht nur um Übersetzung in einfache Sprache, sondern um echtes Verstehen: Was bedeutet diese Diagnose? Welche Konsequenzen hat sie? Welche Rückfragen sollte ich stellen? KI ermöglicht es erstmals, medizinische Informationen dialogisch zu erschließen – mit unbegrenzten Rückfragen, ohne Zeitdruck und ohne Scham. Vorbereitung auf Arztgespräche mit KI Das Gespräch macht deutlich: Gute medizinische Versorgung beginnt oft vor dem Arzttermin. Viele Menschen können ihre Symptome nur schwer beschreiben, vermischen Beobachtung und Interpretation oder vergessen entscheidende Informationen. Hier kann KI als eine Art Trainingspartner dienen. Patient:innen können mithilfe von KI lernen, ihre Beschwerden strukturiert zu schildern, relevante Vorerkrankungen einzuordnen und sich gezielt auf Facharzttermine vorzubereiten. Besonders wirkungsvoll ist dabei die Möglichkeit, sich typische Rückfragen, notwendige Unterlagen oder mögliche Untersuchungen vorab erklären zu lassen. Das verändert die Gesprächsdynamik grundlegend – weg vom reinen Abfragen, hin zu einem Dialog auf Augenhöhe. Symptome einordnen und Diagnosen besser verstehen Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Nutzung von KI zur ersten Einschätzung von Symptomen. Dabei unterscheiden die Hosts klar zwischen allgemeinen Sprachmodellen wie ChatGPT und spezialisierten, teils zertifizierten medizinischen KI-Systemen. Entscheidend ist nicht, eine Diagnose „aus der KI zu bekommen“, sondern Unsicherheit zu reduzieren:Muss ich mir Sorgen machen? Sollte ich handeln? Was könnte dahinterstecken – und was eher nicht? Sven Jungmann betont, wie wichtig dabei eine saubere Beschreibung ohne vorschnelle Interpretation ist. KI kann helfen, Wahrscheinlichkeiten einzuordnen, sogenannte „Can’t-miss-Diagnosen“ zu identifizieren und sinnvolle nächste Schritte vorzuschlagen – immer als Vorbereitung, nicht als Ersatz für ärztliche Entscheidungen. KI, Evidenz und der Umgang mit Fehlern Ein häufig geäußerter Vorbehalt gegenüber KI ist das sogenannte „Halluzinieren“. Die Folge geht differenziert darauf ein und zeigt konkrete Strategien, wie Patient:innen damit umgehen können. Durch gezielte Nachfragen, den Vergleich mehrerer KI-Modelle und die explizite Anforderung evidenzbasierter Quellen lässt sich die Qualität der Antworten deutlich erhöhen. KI wird so vom vermeintlich allwissenden Orakel zu einem überprüfbaren Recherche-Werkzeug. Besonders wertvoll ist dabei die Fähigkeit, Studien, Leitlinien und medizinische Standards verständlich einzuordnen – ein Zugang, der früher fast ausschließlich Fachpersonal vorbehalten war. Medikamente, Therapien und Behandlungsprozesse verstehen Auch im Umgang mit Medikamenten zeigt sich das Potenzial von KI. Ob Beipackzettel, Wechselwirkungen oder Einnahmezeitpunkte – KI kann komplexe Informationen personalisiert erklären. Die Hosts zeigen, wie Patient:innen KI nutzen können, um Therapievorschläge besser nachzuvollziehen, Nebenwirkungen realistisch einzuordnen und informierte Rückfragen zu stellen. Dabei geht es nicht um Misstrauen gegenüber Ärzt:innen, sondern um Transparenz und Sicherheit. KI bei chronischen Erkrankungen und Lebensstil-Anpassung Besonders eindrücklich wird die Folge dort, wo es um langfristige Erkrankungen geht. Inga Bergen teilt persönliche Erfahrungen und zeigt, wie KI helfen kann, Therapie, Lebensstil und mentale Gesundheit miteinander zu verbinden. KI ermöglicht es, evidenzbasierte Empfehlungen zu Bewegung, Ernährung oder Schlaf individuell zu interpretieren und in den eigenen Alltag zu integrieren. Studienwissen wird so praktisch nutzbar – und motivierend. Hier wird deutlich: KI kann Patient:innen nicht nur informieren, sondern aktiv begleiten. Mentale Gesundheit und emotionale Entlastung durch KI Ein sensibler, aber zentraler Teil der Episode widmet sich der mentalen Dimension von Krankheit. Diagnosen lösen Ängste aus, verändern Rollen in Familien und werfen existenzielle Fragen auf. KI kann in solchen Situationen ein niedrigschwelliger Gesprächspartner sein – nicht als Therapeut:in, aber als strukturierende, entlastende Instanz. Die Hosts diskutieren offen Chancen und Risiken: von emotionaler Unterstützung bis zur Gefahr unkritischer Bestätigung.Entscheidend ist der bewusste, reflektierte Einsatz von KI – als Ergänzung, nicht als Ersatz für menschliche Beziehungen. Gesundheitsdaten, Tracking und personalisierte Prävention Wearables, Schlaftracking und Fitnessdaten erzeugen heute riesige Datenmengen, die im klassischen Gesundheitssystem kaum genutzt werden. KI eröffnet hier neue Möglichkeiten. Indem persönliche Daten mit KI reflektiert werden, entsteht eine neue Form der personalisierten Prävention. Fragen wie „Ist dieser Wert normal?“ oder „Was bedeutet diese Veränderung?“ lassen sich individuell einordnen – jenseits starrer Normwerte. Die Folge zeigt eindrucksvoll, wie KI helfen kann, Gesundheit aktiv zu gestalten, statt nur auf Krankheit zu reagieren. KI als Unterstützung im Umgang mit Bürokratie und Versicherungen Ein oft unterschätztes Einsatzfeld von KI ist die Kommunikation mit Krankenkassen, Behörden und Institutionen. Anträge, Widersprüche oder Leistungsanfragen scheitern häufig an Sprache und Struktur. KI kann helfen, Sachverhalte klar, korrekt und rechtssicher zu formulieren – ein echter Vorteil für Menschen mit sprachlichen Barrieren oder wenig Erfahrung im System. Damit wird KI zu einem Werkzeug für mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen. Verantwortung, Datenschutz und klare Grenzen Zum Abschluss der Episode betonen Inga Bergen und Sven Jungmann die Grenzen von KI. Medizinische Entscheidungen sollten niemals ausschließlich auf KI basieren. Vertrauen, Beziehung und ärztliche Expertise bleiben zentral. Gleichzeitig wird auf Datenschutz hingewiesen: Anonymisierung, bewusste Modellwahl und reflektierter Umgang mit persönlichen Informationen sind essenziell, um KI sicher zu nutzen. Fazit: KI als Werkzeug für selbstbestimmte Gesundheit Diese erste Crossover-Episode macht deutlich: KI ist kein Zukunftsthema mehr, sondern ein reales Werkzeug für bessere Gesundheitskompetenz. Wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, Fragen zu stellen und KI bewusst einzusetzen, kann Kommunikation verbessern, Entscheidungen fundierter treffen und die eigene Gesundheit aktiver gestalten. Die Folge liefert keine einfachen Antworten – aber sie öffnet Räume, zeigt Möglichkeiten und macht Lust, tiefer einzusteigen. Jetzt reinhören: KI, Gesundheit und echte Selbstwirksamkeit Diese Episode ist ein fundierter, ehrlicher und praxisnaher Einstieg in das Thema KI im Gesundheitskontext. Wer verstehen will, wie KI Patient:innen heute schon stärken kann – und wo ihre Grenzen liegen – sollte sich diese Folge unbedingt komplett anhören. Dr. Sven Jungmann — Keynotes zu Medizin, Innovation und Künstlicher Intelligenz https://www.ingabergen.de Der Beitrag Wie Patient:innen KI für ihre Gesundheit nutzen können erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Dec 18, 2025
1 hr
Dr. Vera Rödel – CEO von Prof. Valmed – schafft sicheres „ChatGPT für die Medizin“ statt riskanter Schatten-KI
Dr. Vera Rödel ist Juristin mit einem Master in Medizin und Gründerin von Prof. Valmed, der ersten generativen KI-Medizinprodukt der Klasse IIb in Europa. Gemeinsam mit dem Neurologen Prof. Heinz Wiendl entwickelt sie KI-Lösungen, die klinische Entscheidungsprozesse sicher, valide und datenschutzkonform unterstützen. Ihre seltene Kombination aus juristischem und medizinischer Fachwissen und technischer Expertise macht Dr. Vera Rödel zu einer zentralen Gestalterin der medizinischen KI-Zukunft. Ihr Ziel ist es, eine verlässliche Alternative zu unregulierter „Shadow AI“ zu schaffen – mit einem System, das sich streng an Leitlinien orientiert und medizinische Erkenntnisse nachvollziehbar abbildet. Zertifizierte KI für die Medizin Gleich zu Beginn erklärt Dr. Vera Rödel, warum sie den anspruchsvollen Weg der Zertifizierung als Klasse IIb-Medizinprodukt gewählt hat. Für sie war klar, dass nur diese höhere Klassifizierung genügend Spielraum bietet, um medizinische Datenbanken fortlaufend aktualisieren zu dürfen und gleichzeitig die Qualität der Entscheidungsunterstützung abzusichern. Während viele KI-Tools bewusst geringere regulatorische Anforderungen wählen, setzt Prof. Valmed auf maximale Transparenz und medizinische Validität. Damit reagiert Dr. Vera Rödel auf den zunehmenden Einsatz von KI im klinischen Alltag, der bisher meist unkontrolliert und datenschutzrechtlich bedenklich stattfindet. KI wird unverzichtbar im Klinikalltag Im Gespräch zeigt sich, wie stark das Gesundheitswesen bereits jetzt auf KI zurückgreift. Dr. Vera Rödel beschreibt, dass viele Medizinerinnen und Mediziner ChatGPT oder ähnliche Modelle auf privaten Geräten nutzen, weil die Zeit im Alltag fehlt, komplexe Leitlinien nachzuschlagen. Genau hier sieht sie die dringende Notwendigkeit einer regulierten, sicheren und medizinisch geprüften Alternative. Für sie ist klar: KI darf im klinischen Umfeld nicht dem Zufall überlassen werden. Sie muss Ärztinnen und Ärzte entlasten, ihnen aber gleichzeitig die Sicherheit geben, dass jede Empfehlung auf valider Evidenz beruht. Wie Prof. Valmed funktioniert Die Oberfläche des Tools orientiert sich bewusst an modernen Sprachmodellen. Anwenderinnen und Anwender können Fragen so formulieren, wie sie es im Gespräch mit Kolleginnen oder Kollegen tun würden. Die KI antwortet ausschließlich auf Basis geprüfter Daten, zeigt Quellen an und verweist auf die zugrunde liegenden Leitlinien. Dr. Vera Rödel hebt hervor, dass das System lieber bewusst keine Antwort gibt, als falsche Inhalte zu generieren. Zudem arbeitet Prof. Valmed ohne personenbezogene Daten, was die Nutzung in sensiblen klinischen Umgebungen erleichtert. Das Ergebnis ist ein vertrautes, intuitives Interface, das dennoch strenge medizinische Standards erfüllt. Integration in klinische Systeme Besonders wirkungsvoll wird Prof. Valmed, wenn es direkt in bestehende KIS-Systeme integriert ist. Dr. Vera Rödel beschreibt, wie sich dadurch der Workflow spürbar verändert: Die KI erscheint genau dort, wo Entscheidungen getroffen werden, und liefert Vorschläge, ohne dass zusätzliche Fenster oder Programme geöffnet werden müssen. Diese Integration sorgt für Akzeptanz und führt dazu, dass medizinische Teams das Tool selbstverständlich in den Alltag übernehmen. Kooperationen wie jene mit Medatixx zeigen, wie stark die Nachfrage nach eingebetteten KI-Lösungen wächst. Die medizinische Datenbasis Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Systems ist die umfassende Datenbasis. Prof. Valmed verarbeitet rund 2,5 Millionen medizinische Dokumente, darunter Leitlinien, PubMed-Artikel im Open Access, Cochrane Reviews und EMA-Dokumente. Auch internationale Richtlinien, etwa aus Italien, sind eingebunden. Dr. Vera Rödel betont, dass diese Daten laufend aktualisiert werden und eine außergewöhnliche Breite medizinischer Sachverhalte abbilden. Das ermöglicht sichere Entscheidungen selbst bei seltenen Erkrankungen. Nutzen im Alltag Besonders eindrücklich beschreibt Dr. Vera Rödel das Feedback aus der Versorgungspraxis. Anwenderinnen und Anwender berichten über deutliche Zeitersparnis und bessere Entscheidungen, weil Leitlinien nicht länger mühsam recherchiert werden müssen. Gleichzeitig steigt die Behandlungsqualität, da die Empfehlungen immer evidenzbasiert sind. Interessant ist, dass nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch Pflegekräfte, Apotheker und pharmazeutische Unternehmen von dem Tool profitieren. Alle erhalten schnellere, klarere und nachvollziehbare Informationen für ihre täglichen Aufgaben. KI für Patientinnen und Patienten Ein spannender Teil der Diskussion widmet sich der Frage, wie Patientinnen und Patienten künftig selbst mit KI arbeiten werden. Dr. Vera Rödel weist darauf hin, dass Menschen immer weniger googeln und stattdessen sofort KI-Systeme befragen – oft ohne zu wissen, woher die Informationen stammen. Für sie ist das ein Risiko, aber auch eine Chance. Deshalb plant sie eine Version von Prof. Valmed, die medizinisch korrekte Informationen direkt für Betroffene zugänglich macht. So könnten patientenseitige Recherchen zuverlässiger werden und das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten auf einer besseren Basis stattfinden. Herausforderungen und Wandel im Gesundheitssystem Im weiteren Verlauf beleuchtet Dr. Vera Rödel die strukturellen Hürden im europäischen Gesundheitssystem. Datenschutz, fragmentierte IT-Infrastrukturen und konservative Ausbildungsstrukturen erschweren den Einsatz neuer Technologien. Gleichzeitig sieht sie die Notwendigkeit, KI-Kompetenzen stärker in der medizinischen Ausbildung zu verankern, damit zukünftige Generationen sicherer und selbstbewusster mit KI arbeiten können. Europa müsse lernen, moderne Technologien schneller und mutiger zu integrieren, ohne dabei die eigenen Werte zu gefährden. Prof. Valmed Academy und Zukunftspläne Zum Schluss erklärt Dr. Vera Rödel, wie Prof. Valmed mit der eigenen KI-Weiterbildung, der Prof. Valmed Academy, Vertrauen schafft. Ärztinnen und Ärzte können dort CME-Punkte erwerben und lernen, wie KI-Systeme funktionieren, welche Grenzen sie haben und warum sie zuverlässig genutzt werden können. Zudem berichtet sie über die breite Einführung des Tools: Mehr als 2000 Ärztinnen und Ärzte nutzen Prof. Valmed bereits, dazu mehrere Universitätskliniken sowie medizinische Einrichtungen in Italien, im Mittleren Osten und in Asien. Dass Prof. Valmed vollständig bootstrapped ist, ermöglicht schnelle Entscheidungen und eine klare Ausrichtung an medizinischen Bedürfnissen Der Beitrag Dr. Vera Rödel – CEO von Prof. Valmed – schafft sicheres „ChatGPT für die Medizin“ statt riskanter Schatten-KI erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Dec 4, 2025
42 min
Dr. Johanna Ludwig: Warum ihre Vision für die digitale Versorgung Mut macht
Dr. Johanna Ludwig ist Chirurgin, Gesundheitssystem-Visionärin und leitet seit Kurzem die neue Leiterin der Stabsstelle Versorgung bei der gematik. Nach mehreren Jahren klinischer Tätigkeit – unter anderem im Unfallbehandlungszentrum Berlin-Marzahn – absolvierte sie ein Zusatzstudium in Oxford, das ihr die Bedeutung von Prozessanalyse, Organisationsentwicklung und Digitalisierung im Gesundheitswesen verdeutlichte. Sie verbindet medizinische Expertise mit einem tiefen Verständnis für Versorgungsprozesse, Lean Management und digitale Transformation. In ihrer neuen Rolle bringt Dr. Johanna Ludwig Erfahrungen aus Klinik, Forschung, Startup-Arbeit und internationaler Weiterbildung ein, um die digitale Versorgung in Deutschland patientennah, alltagstauglich und zukunftsfähig zu gestalten.  Ein ungewöhnlicher Weg: Von der Chirurgie zur Digitalstrategie Zu Beginn berichtet Dr. Johanna Ludwig, wie sie von der klassischen Chirurgie in eine Rolle wechselte, die es ihr ermöglicht, Versorgung systemisch zu verbessern. Im Klinikalltag wurde ihr immer wieder bewusst, wie viel Zeit Ärztinnen und Ärzte mit Workarounds verbringen – mit Tätigkeiten, die eigentlich nur dazu dienen, Lücken in Prozessen zu überbrücken. Gerade diese täglichen Ineffizienzen weckten ihren Wunsch, Strukturen zu verändern und Organisationen zu modernisieren. Das Zusatzstudium in Oxford hat ihr dann gezeigt, dass Wissen allein nicht ausreicht, sondern dass man sein Umfeld aktiv gestalten muss, wenn man Versorgung verbessern will.  Digitalisierung und Weiterbildung gehören zusammen Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Frage, weshalb Digitalisierung oft nicht dort ankommt, wo sie eigentlich benötigt wird. Dr. Johanna Ludwig betont, dass digitale Lösungen nur funktionieren, wenn sie in echte Arbeitsabläufe eingebettet sind und wenn das Personal die Möglichkeit erhält, sich weiterzubilden. Besonders die Verknüpfung aus digitaler Kompetenz und strukturierter Weiterbildung hält sie für entscheidend. Ohne diese Verbindung könne der große Hebel digitaler Technologien nicht wirksam werden.  Die Rolle der neuen Stabstelle Versorgung bei der gematik Viele Außenstehende unterschätzen die Größe und Komplexität der gematik. Dr. Johanna Ludwig erklärt, dass ihre Aufgabe als Leiterin der Stabstelle Versorgung darin besteht, zwischen allen Akteuren zu vermitteln – von Krankenhäusern über Ärztinnen und Ärzte bis hin zu Industriepartnern und Selbstverwaltung. Es gehe nicht darum, analoge Abläufe einfach zu digitalisieren, sondern Digitalisierung so zu gestalten, dass sie die Versorgung tatsächlich verbessert. Die Stabstelle soll dafür sorgen, dass sowohl digital affine Praxen als auch kleine Landarztpraxen gehört werden und dass digitale Lösungen echten Mehrwert bieten. Warum digitale Lösungen häufig Frust auslösen Anhand eines Beispiels aus dem NHS beschreibt Dr. Johanna Ludwig, warum digitale Lösungen scheitern können, wenn sie an der Realität vorbeigeplant werden. Eine digitalisierte Überweisung hat zwar organisatorisch Sinn ergeben, aber gleichzeitig wertvolle ärztliche Kommunikation eliminiert, die zuvor nebenbei stattfand und für den Austausch zwischen Hausärzten und Fachärzten essenziell war. Die Folge war Frust statt Entlastung. Diese Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, Digitalisierung aus Sicht der Anwenderinnen und Anwender zu denken und die Funktionsweise der Versorgung genau zu verstehen. johanna-inga Fragmentierung, Ressourcenmangel und der Alltag der Kliniken Ein weiterer Schwerpunkt ist die enorme Fragmentierung des deutschen Gesundheitssystems. Viele unterschiedliche Systeme, zahlreiche IT-Anbieter, regionale Unterschiede und finanzieller Druck erschweren einheitliche digitale Lösungen. Dr. Johanna Ludwig macht deutlich, dass Digitalisierung gerade in diesem Umfeld ein enormer Hebel sein könnte, wenn sie richtig umgesetzt wird. Sie sieht die Herausforderung darin, alle Beteiligten wieder auf eine gemeinsame Vision einzuschwören und den Fokus auf das gemeinsame Ziel zu richten: eine bessere Versorgung für Patientinnen und Patienten. Die elektronische Patientenakte: Ein großes Versprechen Im Gespräch zeigt sich Dr. Johanna Ludwig deutlich optimistischer als viele andere Stimmen im System. Auf die Frage, wie groß das Potenzial der elektronischen Patientenakte sei, gibt sie die höchste Bewertung. Schon heute könne ein sauber geführter Medikationsplan Leben retten. Zwar sei die ePA aktuell noch von PDFs geprägt und oft unvollständig, doch allein die Bündelung wichtiger Informationen bringe spürbare Erleichterungen. Ihr Ziel ist es, dass Ärztinnen und Ärzte künftig sagen: „Dieses digitale Tool erleichtert meinen Alltag wirklich.“  Weiterbildung im KI-Zeitalter – und warum Deutschland aufholen muss Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um die Zukunft der medizinischen Weiterbildung. Dr. Johanna Ludwig erläutert, dass Weiterbildung Zeit und Geld kostet, in Kliniken aber oft als Belastung wahrgenommen wird. Logbücher werden häufig ausgefüllt, ohne dass die Inhalte wirklich vermittelt wurden. International, etwa in Kanada, sei man deutlich weiter und arbeite seit vielen Jahren mit kompetenzbasierten Modellen. Angesichts der rasanten Entwicklungen in KI und Entscheidungsunterstützungssystemen müsse sich das Rollenbild von Ärztinnen und Ärzten verändern. In Zukunft brauche es nicht nur Fachwissen, sondern besonders Fähigkeiten wie Kommunikation, Teamarbeit und Patientenführung. Was nötig ist, damit der Kulturwandel gelingt Dr. Johanna Ludwig betont, dass es eine klare Vision braucht – ähnlich wie in einem Startup. Systeme und Weiterbildungsstrukturen müssen so gestaltet werden, dass sie gute Praxis unterstützen statt behindern. Im Mittelpunkt steht für sie der Mensch: Pflegende und Ärztinnen sollen Zeit für Patientinnen und Patienten haben, statt mit redundanten Dokumentationen oder fehlerhaften IT-Systemen kämpfen zu müssen. Nur wenn digitale Lösungen den Arbeitsalltag wirklich erleichtern, kann eine positive digitale Kultur entstehen. Persönliches Ziel: Die erste wirklich geliebte digitale Lösung Zum Ende definiert Dr. Johanna Ludwig ein persönliches Ziel: Sie möchte, dass es künftig mindestens ein digitales Produkt gibt, über das Ärztinnen und Ärzte sagen: „Das ist wirklich gut.“ Dieser Satz wäre für sie ein Zeichen dafür, dass Digitalisierung nicht mehr als Belastung, sondern als echte Verbesserung wahrgenommen wird. Ebenso wünscht sie sich, dass ihr Buch über Wege aus der Klinik irgendwann nicht mehr gebraucht wird, weil Menschen im Gesundheitssystem wieder das Gefühl haben, etwas bewegen zu können, ohne auszubrennen.  Mehr über unseren Podcast, alle erschienen Folgen und uns Inga Bergen & Larissa Middendorf findet ihr auf  www.visionaere-gesundheit.de Mehr von uns gibt es auch in unserem englischsprachigen Podcast „Visionaries of Health“ denn ihr auf allen gängigen Podcastplattformen findet.  Ihr habt Themenvorschläge oder Anregungen für uns? Melde euch gerne unter [email protected] Der Beitrag Dr. Johanna Ludwig: Warum ihre Vision für die digitale Versorgung Mut macht erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Nov 20, 2025
38 min
Dr. Ebru Yildiz über interkulturelle Medizin, Organspende und Kommunikation auf Augenhöhe
Dr. Ebru Yildiz ist eine der profiliertesten Stimmen für interkulturelle Kommunikation im deutschen Gesundheitswesen. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie und leitet das Transplantationszentrum der Universitätsmedizin Essen. Zusätzlich engagiert sie sich als Mentorin für Frauen im Gesundheitswesen. Was sie besonders auszeichnet: Sie hat ihre Karriere in der Pflege begonnen – ein Weg, der sie gelehrt hat, Medizin aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu sehen. In dieser Podcastfolge spricht sie mit Inga Bergen über strukturelle Barrieren, Chancen für mehr Vertrauen in der medizinischen Versorgung und den Unterschied zwischen „medizinisch versorgen“ und „gesund leben lassen“. Der Weg vom Pflegeberuf zur ärztlichen Leitung Dr. Ebru Yildiz beginnt ihre berufliche Laufbahn in der Pflege, während sie parallel ihr Medizinstudium abschließt. Diese Erfahrung prägt ihren heutigen Führungsstil und ihr Verständnis für Teamarbeit im Klinikalltag. Sie weiß, wie es ist, auf der Seite der Assistenz zu stehen – und erkennt die strukturellen Hürden, denen sich insbesondere Frauen mit Migrationshintergrund stellen müssen. Diese Perspektive macht sie zu einer Fürsprecherin für mehr Durchlässigkeit in der Gesundheitsbranche. Warum Kommunikation der Schlüssel ist – und oft scheitert Ein zentrales Thema im Gespräch ist die Rolle der Kommunikation zwischen Ärzt:innen und Patient:innen. Dr. Ebru Yildiz macht deutlich, dass viele Missverständnisse im klinischen Alltag nicht medizinischen, sondern kulturellen Ursprungs sind. Sprache sei dabei nur ein Aspekt – viele Patient:innen verstünden beispielsweise das Konzept von Organspende nicht oder hätten kulturell geprägte Vorstellungen von Tod, Körper und Familie, die mit dem medizinischen System kollidieren. Sie fordert daher ein systematisches Training in kultursensibler Kommunikation – für alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Organspende: Wenn Vertrauen fehlt, hilft keine Aufklärung Als Leiterin eines Transplantationszentrums erlebt Dr. Ebru Yildiz täglich, wie schwierig es ist, über Organspende zu sprechen – insbesondere in Familien mit Migrationsgeschichte. Nicht, weil diese ablehnend wären, sondern weil Vertrauen fehle. Wer schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht habe oder sich nicht gesehen fühle, wird sich schwer tun, Entscheidungen zu treffen, die so tief ins eigene Leben und in den Körper eingreifen. Sie plädiert für mehr kulturelle Übersetzungsarbeit, um Ängste abzubauen und Räume für echte Gespräche zu schaffen. Warum sie für „gesunde Lebensjahre“ kämpft – nicht nur für medizinische Versorgung Dr. Ebru Yildiz unterscheidet klar zwischen Medizin und Gesundheit. Während das medizinische System häufig auf Krankheit reagiere, brauche es einen Paradigmenwechsel hin zur Förderung gesunder Lebensjahre. Dabei gehe es nicht nur um Prävention, sondern auch um gesellschaftliche Teilhabe, Bildung, Ernährung und Arbeitsbedingungen – also um die sozialen Determinanten von Gesundheit. Besonders betroffen von ungerechten Gesundheitschancen seien Frauen, Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status und jene mit Migrationsgeschichte. Vertrauen, Haltung und Kommunikation auf Augenhöhe Dr. Ebru Yildiz betont im Gespräch mehrfach, dass Vertrauen die wichtigste Währung in der Medizin ist – besonders bei sensiblen Themen wie Organspende, Transplantation oder chronischer Erkrankung. Sie schildert, wie entscheidend es ist, Patient*innen auf Augenhöhe zu begegnen und eine Sprache zu finden, die nicht ausgrenzt, sondern einbindet. Dabei geht es ihr nicht nur um sprachliche Barrieren, sondern auch um kulturelle, soziale und emotionale Unterschiede. Als Beispiel nennt sie, wie auch gesundheitliche Kommunikation über Social Media neue Wege geht – und verweist auf Formate wie „Fit Dad Hendrik“, die niedrigschwellig Wissen vermitteln und dabei diverse Zielgruppen erreichen. Solche Initiativen zeigen, wie moderne Gesundheitskommunikation auch außerhalb klassischer medizinischer Kontexte funktionieren kann – nahbar, authentisch und lebensnah. Interkulturelle Medizin ist mehr als Diversity-Tag Gegen Ende des Gesprächs warnt Dr. Ebru Yildiz vor oberflächlichen Diversity-Initiativen. Für sie ist interkulturelle Medizin keine PR-Maßnahme, sondern ein struktureller Umbau: medizinische Versorgung muss konsequent auf die Bedürfnisse einer vielfältigen Gesellschaft ausgerichtet werden. Das heißt: Dolmetscherstrukturen, mehrsprachige Aufklärung, divers zusammengesetzte Teams und Entscheidungsfindung, die kulturelle Konzepte mitdenkt. Nur so könne Vertrauen entstehen – und echte Wirksamkeit. Unterschied von Herkunft und Haltung Im gesamten Gespräch wird deutlich: Für Dr. Ebru Yildiz bedeutet interkulturelle Medizin nicht, Menschen nach ihrer Herkunft zu sortieren. Vielmehr gehe es darum, Haltung zu zeigen – eine Haltung, die offen, lernbereit und respektvoll ist. Medizin darf nicht nach Schema F funktionieren, sondern muss individuell und kontextsensibel sein. Ebru Yildiz fordert: Mehr Menschlichkeit, mehr Struktur, mehr Verständnis Diese Podcastfolge mit Dr. Ebru Yildiz zeigt eindrücklich, wie wichtig kulturelle Kompetenz im Gesundheitswesen ist – und dass es nicht reicht, Wissen zu vermitteln. Es braucht Haltung, strukturelle Veränderungen und eine Medizin, die Kommunikation und Vertrauen in den Mittelpunkt stellt. Wer mehr über Organspende, interkulturelle Kommunikation, Gesundheitsgerechtigkeit und den persönlichen Weg einer beeindruckenden Ärztin erfahren möchte, sollte unbedingt reinhören. Der Beitrag Dr. Ebru Yildiz über interkulturelle Medizin, Organspende und Kommunikation auf Augenhöhe erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Nov 6, 2025
44 min
Jan Zeggel über die Zukunft der Telemedizin – und warum digitale Versorgung mehr als Technik ist
Jan Zeggel ist Geschäftsführer von arztkonsultation.de, einer etablierten deutschen Plattform für Videosprechstunden und telemedizinische Lösungen. Gleichzeitig ist er Host des Podcasts „All About Telemedizin“, in dem er regelmäßig über digitale Gesundheitslösungen, regulatorische Entwicklungen und Anwendungsbeispiele spricht. Als Unternehmer mit gesundheitsökonomischem Hintergrund versteht Jan Zeggel es, technische Innovationen mit den Bedürfnissen des Gesundheitswesens zu verbinden. In dieser Folge von Visionäre der Gesundheit spricht er mit Inga Bergen über den Reifegrad der Telemedizin in Deutschland, über pragmatische Versorgungslösungen – und warum Telemedizin mehr ist als ein digitaler Ersatz für den Arztbesuch. Von der Vision zur Umsetzung – wie Telemedizin konkret funktioniert Gleich zu Beginn betont Jan Zeggel, dass Telemedizin keine abstrakte Zukunftstechnologie mehr ist, sondern längst in der Versorgung angekommen ist – zumindest dort, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Er beschreibt, wie arztkonsultation.de heute als White-Label-Anbieter für zahlreiche Kliniken, MVZs und öffentliche Institutionen arbeitet und dabei die gesamte technische Infrastruktur für digitale Konsultationen bereitstellt. Dabei sei es entscheidend, dass die Lösung einfach funktioniert – für Ärzt:innen, Patient:innen und Institutionen. Seine Maxime: Technik muss sich an den Alltag der Nutzenden anpassen, nicht umgekehrt. Telemedizin in der Fläche – Erfolgsbeispiele aus der Praxis Im Gespräch mit Inga Bergen nennt Jan Zeggel mehrere konkrete Beispiele, wie Telemedizin Versorgungslücken schließen kann – etwa in ländlichen Regionen, wo Fachärzt:innen nicht verfügbar sind, oder bei der Nachsorge chronischer Erkrankungen. Besonders spannend sind Pilotprojekte, in denen Pflegekräfte vor Ort mit digitalen Konsultationen kombiniert werden, etwa in Pflegeheimen oder in strukturschwachen Gegenden. Auch in der betriebsmedizinischen Versorgung sieht er großes Potenzial für digitale Ansätze. Entscheidend sei, dass die Strukturen entlastet und nicht verdoppelt werden – Telemedizin als sinnvolle Ergänzung, nicht als zusätzliche Belastung. Datenschutz und Regulatorik – nicht nur Hürde, sondern auch Qualitätssicherung Ein zentrales Thema ist die Regulierung: Jan Zeggel erklärt, warum Datenschutz in der Telemedizin nicht nur ein Hemmnis ist, sondern auch ein Wettbewerbsvorteil für Anbieter wie arztkonsultation.de, die höchsten Sicherheitsstandards genügen. Gleichzeitig kritisiert er, dass manche regulatorischen Vorgaben Innovation erschweren – etwa durch starre Rahmenverträge oder lange Zertifizierungsprozesse. Dennoch sieht er Bewegung: Die gematik, neue DIGA-Regelungen und der Dialog mit Kassen und Ministerien machen Hoffnung auf mehr Tempo in der digitalen Transformation. Vom Startup zum Systempartner – warum Telemedizin strategische Relevanz gewinnt Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird deutlich, dass Jan Zeggel Telemedizin nicht als kurzfristigen Hype versteht, sondern als langfristigen Strukturwandel. Er plädiert dafür, Telemedizin nicht nur als „Tool“ zu sehen, sondern als Teil eines neuen, patientenzentrierten Versorgungssystems. Besonders wichtig sei die Einbindung in bestehende Prozesse: Statt Insellösungen brauche es skalierbare, interoperable Plattformen – mit Schnittstellen zu Praxissystemen, ePA und Krankenhaus-IT. Nur dann könne Telemedizin nachhaltig wirken. Neue Rollenbilder – was Telemedizin für Ärzt:innen bedeutet Ein besonders spannender Teil der Folge dreht sich um das Rollenverständnis im digitalen Arzt-Patienten-Kontakt. Jan Zeggel berichtet von der anfangs teils kritischen Haltung einiger Mediziner:innen gegenüber der Videosprechstunde – und wie sich diese mit positiven Erfahrungen wandelt. Er ist überzeugt, dass Telemedizin sogar dazu beitragen kann, die ärztliche Tätigkeit wieder attraktiver zu machen – etwa durch flexible Arbeitszeiten, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder den Einsatz im Homeoffice. Entscheidend sei, dass Ärzt:innen frühzeitig eingebunden und geschult werden. Jan Zeggel über Vertrauen, Pragmatismus und die Zukunft der Versorgung Zum Schluss der Folge spricht Jan Zeggel über Vertrauen – in Technologie, in Prozesse und in die Bereitschaft zur Veränderung. Er beschreibt, wie wichtig es sei, pragmatische Lösungen zu entwickeln, die wirklich im Alltag funktionieren. Für ihn ist klar: Die Zukunft der Versorgung ist hybrid. Telemedizin sei weder Ersatz noch Wundermittel, sondern ein Baustein, um Menschen besser, schneller und effizienter zu versorgen. Mit dem richtigen Mindset und passenden Rahmenbedingungen könne Deutschland hier deutlich mutiger agieren. Diese Folge mit Jan Zeggel ist ein inspirierender Blick hinter die Kulissen eines Unternehmens, das die Telemedizin in Deutschland seit Jahren mitgestaltet. Wer wissen möchte, wie aus digitalem Potenzial konkrete Versorgungslösungen werden, welche Rolle Datenschutz wirklich spielt und was es braucht, damit digitale Gesundheit in der Breite ankommt – sollte sich diese Folge unbedingt bis zum Ende anhören. Der Beitrag Jan Zeggel über die Zukunft der Telemedizin – und warum digitale Versorgung mehr als Technik ist erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Oct 2, 2025
47 min
Prof. Dr. Kai Kolpatzik über Reparaturmedizin, Kulturwandel & digitale Gesundheitskompetenz
Prof. Dr. Kai Kolpatzik ist Arzt, Public-Health-Experte und eine der wichtigsten Stimmen für Gesundheitskompetenz und Prävention im deutschsprachigen Raum. Er ist Chief Scientific Officer (CSO) des Word & Bild Verlages, leitet die Berlin Health Media und ist Honorarprofessor für Digitale Gesundheit und Public Health Policy. Als öffentliche Stimme für ein modernes, präventives Gesundheitssystem setzt er sich für einen Paradigmenwechsel in Medizin, Kommunikation und Patientenverantwortung ein. In dieser Podcastfolge spricht er mit Inga Bergen über kulturelle Veränderungen, digitale Trends, den Wert von Prävention und die nötige Systemreform – alles mit dem Ziel, Gesundheit neu zu denken. Gesundheit neu denken – weg von Reparaturmedizin Prof. Dr. Kai Kolpatzik schildert zu Beginn, wie ihn seine Ausbildung in Medizin und Public Health für das Thema Gesundheitskompetenz sensibilisiert hat. Er kritisiert die Dominanz der sogenannten „Reparaturmedizin“ – also einer Medizin, die erst eingreift, wenn etwas bereits kaputt ist. In der Logik unseres heutigen Gesundheitssystems seien Leistungen wie Operationen und Eingriffe wirtschaftlich attraktiv, während Prävention, Lebensstilmedizin und Gesundheitsförderung kaum vergütet würden. Das führe zu einer Schieflage, in der das gesunde Leben zu wenig Wert erfahre. Zwischen Lifestyle und Leistungskatalog Kolpatzik argumentiert leidenschaftlich für eine Neubewertung von Lebensstilfaktoren wie Schlaf, Ernährung und Bewegung. Diese seien keine „Privatsache“ oder „weich“, sondern wissenschaftlich belegte Basis erfolgreicher Gesundheit. Er setzt sich dafür ein, dass das, was Patient:innen aktiv beitragen können – insbesondere in der Prävention – systematisch gestärkt wird. Das gegenwärtige System tue oft so, als seien Patient:innen passiv. Dabei müsse Eigenverantwortung gezielt gefördert und strukturell unterstützt werden. Digitale Gesundheitskompetenz & Künstliche Intelligenz Im Gespräch geht es auch um den Einfluss von KI, insbesondere Large Language Models (LLMs), auf das Gesundheitsverhalten. Prof. Dr. Kai Kolpatzik beschreibt, wie sich durch KI-gestützte Chatbots und Suchverhalten bereits erste kulturelle Verschiebungen zeigen. Immer mehr Menschen stellen ihre Gesundheitsfragen nicht mehr bei Google oder Ärzt:innen, sondern digitalen Assistenten – mit dem Potenzial, aber auch Risiken. Diese Entwicklung verändere die Erwartungen an ärztliche Kommunikation grundlegend und fordere das System heraus, sich neu aufzustellen. Die Macht der Sprache und Patientennavigation Besonders wichtig ist Kolpatzik die Kommunikation im Gesundheitswesen. Er betont, dass Packungsbeilagen, Arztbriefe und selbst offizielle Patienteninformationen häufig unverständlich seien. Gesundheitsinformationen müssten in einfacher, empathischer Sprache formuliert sein. Kommunikation dürfe nicht rein rational, sondern müsse emotional anschlussfähig sein. Dabei sieht er auch die Medien in der Verantwortung – etwa bei Word & Bild, wo er sich für patientenorientierte Inhalte engagiert. Ein weiterer Punkt: die Fähigkeit, sich im Gesundheitssystem zu orientieren. Der Begriff „Navigationskompetenz“ fällt mehrfach. Viele Menschen wüssten nicht, wo sie anfangen sollen – sie fühlten sich verloren. Ein modernes Gesundheitssystem müsse Navigation ermöglichen – durch echte Lotsen, digitale Tools und transparente Strukturen. Systemischer Wandel statt Schuldzuweisung Prof. Dr. Kai Kolpatzik macht deutlich, dass Gesundheitskompetenz nicht nur eine individuelle Aufgabe ist. Selbstverantwortung dürfe nicht bedeuten, Menschen mit komplexen Strukturen allein zu lassen. Er kritisiert, dass die elektronische Patientenakte (ePA) bislang nicht patientenfreundlich gedacht sei, sondern vorrangig für Ärzt:innen. In seinem Bild ist das deutsche Gesundheitswesen noch stark im „1950er-Jahre-Familienmodell“ verhaftet – mit klaren Rollen, wenig Eigenständigkeit für Patient:innen und wenig Dialog. Prävention braucht kulturellen Wandel Zum Abschluss diskutieren Inga Bergen und Prof. Dr. Kai Kolpatzik, wie man das System wirklich verändern kann. Er fordert mehr Mut, Verantwortung neu zu denken – sowohl bei Ärzt:innen als auch bei Politik und Gesellschaft. Prävention müsse endlich ernst genommen und strukturell verankert werden. Gesundheitskompetenz sei kein Nebenthema, sondern der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit unseres Systems. Der Beitrag Prof. Dr. Kai Kolpatzik über Reparaturmedizin, Kulturwandel & digitale Gesundheitskompetenz erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Sep 18, 2025
38 min
Nicolas Wolikow – Wie Cure51 das Überleben bei Krebs entschlüsseln will
Nicolas Wolikow will die Ausnahme zur Regel machen – und Krebs neu verstehen Nicolas Wolikow ist französischer Unternehmer und Mitgründer sowie CEO von Cure51, einem Health‑Tech/TechBio‑Unternehmen, das die erste weltweite Datenbank außergewöhnlicher Krebspatient:innen („Exceptional Survivors“) aufbaut und daraus neuartige Therapieansätze entwickelt. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in digitalen Geschäftsmodellen, Technologie und Life Sciences. Unter anderem war er Mitgründer von Qare, einer führenden Telemedizinplattform in Frankreich, und arbeitete als Chief Digital Officer bei Ipsen. Zuvor bekleidete er leitende Positionen in Marketing, Business Development und operativem Management bei großen Unternehmensgruppen wie International SOS. Anfangs startete er seine berufliche Laufbahn im öffentlichen Sektor und sammelte Erfahrungen bei globalen Konzernen wie L’Oréal und Sodexo, bevor er den Weg in die Tech‑ und Gesundheitswelt einschlug. Die Idee hinter Cure51: Lernen von den Ausnahmen Nicolas Wolikow beschreibt Cure51 als ein Unternehmen, das sich nicht auf das durchschnittliche Fortschreiten einer Krebserkrankung konzentriert, sondern auf die Ausnahmen – auf die wenigen Patient:innen, die trotz schlechter Prognosen über Jahre hinweg überleben oder sogar gesund werden. Diese Menschen nennt Cure51 „Exceptional Survivors“. Während die klassische Forschung sich oft auf Therapieansprechen oder genetische Mutationen konzentriert, will Cure51 eine neue Perspektive etablieren: Was machen diese Überlebenden anders? Welche biologischen, sozialen oder umweltbedingten Faktoren tragen zu ihrem außergewöhnlichen Verlauf bei? Genau diese Fragen möchte Nicolas Wolikow beantworten – mit einem datengetriebenen, interdisziplinären Ansatz. Aufbau der globalen Survivorship-Datenbank Um diese Fragen zu beantworten, baut Cure51 eine globale Datenbank über Langzeitüberlebende auf. Dabei werden Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengeführt – darunter klinische Daten, genomische Informationen, Umweltfaktoren, Lebensstil sowie psychologische und soziale Einflussgrößen. Nicolas Wolikow betont, dass die Kooperation mit führenden Krebszentren weltweit essenziell ist. Dabei geht es nicht nur um die Sammlung von Daten, sondern auch um deren harmonisierte Aufbereitung: Verschiedene Länder, verschiedene Ethnien, verschiedene Gesundheitssysteme – Cure51 möchte eine globale Vergleichbarkeit erreichen, um wirklich robuste Erkenntnisse zu gewinnen. Von der Beobachtung zur Innovation: Translation in die Therapie Ein zentrales Ziel von Cure51 ist die Anwendbarkeit der Erkenntnisse. Nicolas Wolikow erklärt, dass es nicht ausreicht, nur zu beobachten – Cure51 will neue therapeutische Hypothesen entwickeln, die dann in klinischen Studien getestet werden können. Das Unternehmen plant keine eigenen Medikamente, sondern arbeitet als Plattform-Anbieter: Cure51 will das überlebensrelevante Wissen identifizieren, strukturieren und dann an Pharmaunternehmen oder akademische Partner weitergeben, um daraus gezielte Wirkstoffe oder Therapiekonzepte zu entwickeln. Der Fokus liegt dabei auf aggressiven Krebsarten, etwa Bauchspeicheldrüsenkrebs, Glioblastomen oder metastasiertem Brustkrebs – also dort, wo die Überlebensrate besonders gering ist und der Erkenntnisgewinn besonders wertvoll sein könnte. Ethik, Datenschutz und Patient Empowerment Da Cure51 mit hochsensiblen Daten arbeitet, ist das Thema Ethik und Datenschutz zentral. Nicolas Wolikow legt großen Wert auf Transparenz, Zustimmung der Patient:innen und eine klare Kommunikation darüber, was mit den Daten passiert. Die betroffenen Menschen stehen dabei nicht nur als Datenspender:innen im Fokus – Cure51 möchte sie auch als aktive Partner:innen im Forschungsprozess verstehen. Die Hoffnung, dass ihr eigener Ausnahmeverlauf anderen helfen kann, ist für viele ein starkes Motiv zur Teilnahme. Gleichzeitig betont Wolikow, wie wichtig psychologische Begleitung und respektvolle Aufarbeitung dieser Lebensgeschichten sind. Warum jetzt? Warum Cure51? Zum Abschluss erklärt Nicolas Wolikow, warum Cure51 genau jetzt gebraucht wird. Die technologische Infrastruktur – etwa im Bereich der Genomik, Datenanalyse und internationalen Vernetzung – sei heute weit genug entwickelt, um ein solches Projekt überhaupt möglich zu machen. Gleichzeitig sei es an der Zeit, nicht nur Therapien zu verbessern, sondern das Verständnis von Krebs grundsätzlich zu erweitern. Cure51 will dazu beitragen, den Blick von der Krankheit auf die Heilung zu lenken – und dabei den Menschen ins Zentrum stellen, der bereits den unwahrscheinlichsten Ausgang erlebt hat: das Überleben. Nicolas Wolikow will wissen, warum Menschen Krebs überleben – und daraus Hoffnung für viele machen Diese Folge ist eine Einladung, anders über Krebs zu denken – nicht nur als Kampf gegen ein Schicksal, sondern als komplexes biologisches und soziales Phänomen, das wir noch lange nicht vollständig verstanden haben. Nicolas Wolikow zeigt mit Cure51 einen visionären Weg auf, wie wir von den Überlebenden lernen können – und so vielleicht in Zukunft vielen anderen das Leben retten. Wer verstehen will, wie Daten, Menschlichkeit und globale Kollaboration zusammenkommen, um die Onkologie zu revolutionieren, sollte diese Folge bis zum Ende hören. Der Beitrag Nicolas Wolikow – Wie Cure51 das Überleben bei Krebs entschlüsseln will erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Sep 4, 2025
38 min
Christoph Werner – Wie dm den Gesundheitsmarkt menschlicher, digitaler und vertrauensvoller gestalten will
Christoph Werner ist Vorsitzender der Geschäftsführung bei dm-drogerie markt und prägt die strategische Ausrichtung des Unternehmens seit vielen Jahren entscheidend mit. Vor seinem Einstieg bei dm sammelte er 15 Jahre lang internationale Erfahrung in der Markenartikelindustrie in den USA und Frankreich. Seit 2011 verantwortet er bei dm das Ressort Marketing und Beschaffung, seit 2019 steht er an der Spitze des Unternehmens. In seiner Arbeit verbindet Christoph Werner wirtschaftliche Klarheit mit einem tiefen Fokus auf Menschen, Werte und Gemeinschaft. In dieser Podcastfolge spricht er mit Inga Bergen über seine Vision einer zukunftsfähigen, kundenzentrierten Gesundheitsversorgung. Gesundheit neu denken – aus Sicht des Handels Schon zu Beginn des Gesprächs macht Christoph Werner deutlich: Der Gesundheitsmarkt in Deutschland muss sich verändern – und dm möchte dabei eine aktive Rolle spielen. Als Händler sei dm nah an den Menschen und wisse, was Kund:innen wirklich brauchen. Deshalb sei es nur logisch, dass sich das Unternehmen zunehmend in den Gesundheitsbereich hineinbewegt – mit digitalen Services, Beratung und einem besseren Zugang zu Gesundheitsprodukten. Dabei betont Christoph Werner, dass es nicht darum gehe, klassische Gesundheitsanbieter zu ersetzen, sondern das bestehende System sinnvoll zu ergänzen. Gerade mit Blick auf Apotheken, Online-Diagnostik und neue Beratungsformate sieht er enormes Potenzial. Vertrauen als Grundpfeiler der Gesundheitsbeziehung Ein zentrales Thema der Folge ist der Vertrauensaufbau im Gesundheitsbereich. Christoph Werner erklärt, dass Menschen bei Gesundheitsfragen besonders sensibel sind – und Anbieter daher maximale Transparenz und Glaubwürdigkeit bieten müssen. dm versteht sich hier nicht als kurzfristiger Trendfolger, sondern als langfristiger Partner, der durch Konsistenz und Kundenorientierung Vertrauen schafft. Insbesondere im Bereich der Online-Apotheken und telemedizinischen Angebote wie DermaNostic geht es laut Werner darum, Hürden abzubauen, Vorbehalte ernst zu nehmen und gleichzeitig hochwertige Services anzubieten, die dem Alltag der Kund:innen gerecht werden. Der Mensch im Mittelpunkt – auch im digitalen Raum Christoph Werner unterstreicht, dass digitale Angebote nur dann erfolgreich sind, wenn sie konsequent vom Menschen her gedacht werden. Die Vision von dm sei nicht technikzentriert, sondern menschenzentriert: Es gehe darum, den Zugang zu Gesundheitswissen, Produkten und Beratung zu erleichtern – ohne die persönliche Ebene zu verlieren. Gerade Online-Kundenerlebnisse müssen Vertrauen und Nähe schaffen, sonst bleiben sie rein transaktional. Deshalb verfolgt dm das Ziel, digitale Gesundheitsangebote nicht nur funktional, sondern empathisch und verantwortungsbewusst zu gestalten – mit echter Unterstützung und Orientierung für Kund:innen. Innovationspartnerschaften als Schlüssel zur Zukunft Im weiteren Verlauf des Gesprächs geht Christoph Werner auf strategische Kooperationen ein. Projekte wie DermaNostic, aber auch der Einstieg in Online-Apothekenmodelle seien bewusst gewählte Schritte, um neue Gesundheitsservices anzubieten, die sowohl professionell als auch niedrigschwellig sind. dm wolle nicht alles selbst machen, sondern gemeinsam mit Spezialist:innen Lösungen entwickeln, die auf die sich wandelnden Bedürfnisse der Gesellschaft reagieren. Diese Offenheit für Partnerschaften sieht Christoph Werner als wichtigen Hebel, um Gesundheit neu zu denken – ganzheitlich, zugänglich und zukunftsfähig. Demografie, Eigenverantwortung und Prävention Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist der demografische Wandel. Christoph Werner zeigt auf, wie sich Gesundheitsbewusstsein, Eigenverantwortung und Konsumverhalten mit den Generationen verändern. Für ihn ist klar: Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen steigt – aber nicht in Form klassischer Versorgungsmodelle. dm möchte Menschen dabei unterstützen, frühzeitiger und selbstbestimmter für ihre Gesundheit zu sorgen. Das Unternehmen will einen Beitrag leisten, Gesundheitskompetenz zu stärken und Prävention zugänglicher zu machen – nicht nur mit Produkten, sondern auch durch Wissenstransfer und niedrigschwellige Beratung. Die Vision: Gesundheit als gemeinsame Verantwortung Zum Abschluss formuliert Christoph Werner eine Vision, die weit über den Handel hinausgeht. Für ihn ist Gesundheit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht allein auf Schultern von Ärzt:innen, Kassen oder Apotheken ruhen kann. Es brauche neue Allianzen – zwischen Unternehmen, Institutionen und Menschen. dm wolle dabei Brücken bauen zwischen Versorgung, Technologie und Alltag – mit Angeboten, die Orientierung geben und das Vertrauen in die eigene Gesundheitskompetenz stärken. Denn nur, wenn sich jede:r Einzelne eingebunden und befähigt fühlt, kann ein Gesundheitssystem nachhaltig funktionieren. Christoph Werner über die Zukunft der Gesundheit – Menschlich, vertrauensvoll und nah am Alltag Diese Folge von „Visionäre der Gesundheit“ zeigt eindrucksvoll, wie sich ein führendes Handelsunternehmen wie dm zunehmend als Gesundheitsakteur positioniert. Christoph Werner verbindet dabei wirtschaftliche Weitsicht mit einem klaren Wertekompass: Gesundheit soll nahbar, verständlich und zugänglich sein – für alle Menschen, in allen Lebenslagen. Wer wissen will, wie dm den Gesundheitsmarkt der Zukunft mitgestaltet, sollte sich diese Folge unbedingt bis zum Ende anhören. Der Beitrag Christoph Werner – Wie dm den Gesundheitsmarkt menschlicher, digitaler und vertrauensvoller gestalten will erschien zuerst auf Visionäre der Gesundheit.
Aug 21, 2025
49 min
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