
Ihre Arbeit veränderte den Umgang mit dem Tod grundlegend: Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross. Diese Tage hätte sie ihren 100. Geburtstag gefeiert. Und heute, in einer zunehmend alternden Gesellschaft, stellt sich dringlicher denn je die Frage: Wie werden wir in Zukunft sterben?
Mit «Interviews mit Sterbenden» leistete die schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross 1969 Epochemachendes: Sie brach das Schweigen über den Tod und verschob ihn aus der Tabuzone in den gesellschaftlichen Diskurs. Ihre kulturelle Leistung liegt darin, das Sterben als Teil des Lebens sichtbar gemacht zu haben – eine Voraussetzung für die moderne Palliativmedizin.
Gleichzeitig stellt die demografische Entwicklung diese Errungenschaften infrage. Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter – häufig verbunden mit langen Phasen von Krankheit und Demenz. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio spricht von einem «Tsunami von hochaltrigen Sterbenden», der auf uns zukomme und grundlegende Fragen nach Würde, Autonomie und Fürsorge neu aufwirft. Ein auf Effizienz getrimmtes Gesundheitssystem gelangt damit an seine Grenzen.
Braucht es neue Formen der Solidarität, «Caring Communities», und eine stärkere Vergesellschaftung von Sorgearbeit? Welche Rolle kann Palliative Care als Modell für ein menschlicheres System spielen – und was heisst das für uns alle? Olivia Röllin fragt nach bei Gian Domenico Borasio, eine der prägenden Stimmen in der Debatte um ein würdiges Lebensende.
Jun 28
59 min
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Tsitsi Dangarembga war die erste schwarze Frau in Simbabwe, die Romane veröffentlicht und Filme gedreht hat. Heute zählt sie zu den einflussreichsten Stimmen weltweit. In seiner letzten Sendung spricht Yves Bossart mit ihr über Feminismus in Afrika und über Kunst als Widerstand.
Die Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga wurde 2020 von der BBC zu den weltweit hundert wichtigsten Frauen gewählt. Ihr Werk wurde mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Aufgewachsen in England und Simbabwe, gelang ihr mit 25 Jahren der Durchbruch mit dem Buch «Nervous Conditions», die Geschichte eines jungen Mädchens, das gegen die Widerstände von Patriarchat und Rassismus kämpft. Später studiert Dangerembga Filmregie in Berlin und dreht zahlreiche Filme in ihrem Heimatland Simbabwe. Ihre gesellschaftskritischen Bücher und Filme kreisen um die Themen Hautfarbe, Klasse und Geschlecht. 2020 wurde sie verhaftet und angeklagt, weil sie zur Teilnahme an einer Anti-Korruptions-Demonstration in Simbabwe aufgerufen hatte. Yves Bossart spricht mit ihr über den Mut zum Widerstand, über Schwarzen Feminismus und die Macht von Geschichten.
Jun 21
1 hr 1 min
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Sokrates war ein radikaler Denker – so radikal, dass ihn die Athener schliesslich zum Tode verurteilten. Die Philosophin Agnes Callard plädiert dafür, es ihm gleichzutun in seiner radikalen Wahrheitssuche. Denn sie stimmt Sokrates zu: Nur das geprüfte Leben ist es wert, gelebt zu werden.
Agnes Callard, Professorin für Philosophie in Chicago, verteidigt Sokrates als Vorbild für die Gegenwart: Ein gutes Leben, so ihre These, setzt voraus, dass wir es unablässig prüfen und uns unbequemen, «unzeitgemässen» Fragen stellen. Stattdessen organisieren die meisten ihren Alltag im Viertelstundentakt und dringen nie zum tieferen Sinn des Lebens vor. Für Callard besteht dieser in der Idee der Aspiration: dem beständigen Streben nach intellektueller Reife, die nichts mit Selbstoptimierung, aber viel mit der Einsicht in die eigene Unwissenheit und der Sehnsucht nach Wissen zu tun hat. Die gute Nachricht: Wir sind in diesem Streben nicht allein. Ganz wie Sokrates ist sie der Ansicht, dass wir nur dank des Dialogs mit anderen zu Wissen vordringen. Das menschliche Streben denkt sie bis in die intimsten Bereiche weiter: in einer «aufstrebenden Ehe» wachsen die Liebenden gemeinsam als Personen.
Barbara Bleisch fragt Agnes Callard, wie ein sokratisches Leben gelingt, warum Sokrates offen war für Polyamorie und weshalb er bereit war, den Schierlingsbecher zu trinken.
Jun 14
53 min
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Wenn die besten Fussballmannschaften in den USA, Mexiko und Kanada um den WM-Titel kämpfen, steht die Weltpolitik mit auf dem Platz. Wird Trump das Turnier zu eigenen Zwecken missbrauchen? Marcel Reif und Claudia Brühwiler über das Wechselspiel von Sport und Politik – und die Wahrheit auf dem Platz.
Am 11. Juni ist Anpfiff der Fussball-WM 2026. Neben der sportlichen Vorfreude gibt das Ereignis auch Anlass zur Sorge und Unzufriedenheit. Fans beklagen überteuerte Ticketpreise und Überkommerzialisierung. Viele bleiben fern, sofern sie überhaupt einreisen dürften. Der Unmut über Gianni Infantinos Fifa ist bereits jetzt riesig. Wie auch die Sorge vor einer politischen Instrumentalisierung des Ereignisses: Wie sicher sind die Fans südamerikanischer Mannschaften vor dem Zugriff von Trumps ICE-Truppen? Wird der amerikanische Präsident das Turnier zu Selbstdarstellungszwecken missbrauchen? Wie steht es um die Teilnahme Irans?
Droht das auf 104 Partien aufgeblasene Turnier zu einem kommerziellen wie atmosphärischen Fiasko zu werden? Oder wird Fussball, als beliebtestes Ballspiel dieses Planeten, einmal mehr Milliarden in den Bann seiner ganz eigenen Schönheit, seines ganz eigenen Wahnsinns ziehen?
All das bespricht Wolfram Eilenberger mit der Schweizer Kommentatoren-Legende Marcel Reif sowie der in St. Gallen lehrenden Amerikanistin und Staatswissenschaftlerin Claudia Brühwiler.
Jun 7
59 min
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In vielen Teilen der Welt gewinnen rechtsnationale und autoritäre Kräfte an Einfluss – und immer öfter steht die Frage im Raum: Ist das schon Faschismus? Wo liegen die Ursachen dieses Rechtsrutsches und gibt es faschistische Tendenzen nur auf der rechten oder auch auf linker Seite?
Die Schweiz ist in einer neuen Realität angekommen: Zum ersten Mal ist sie von Staaten umgeben, in denen Parteien die Umfragen anführen, die die Politikwissenschaft als «radical right» einordnet: Von Italien über Österreich bis nach Frankreich und Deutschland verschiebt sich das politische Koordinatensystem nach rechts.
Treibende Kraft der neuen Rechten sind nicht zuletzt rechtsextreme Jugendgruppen: Sie organisieren sich über Plattformen wie Instagram, Tiktok oder Telegram und verknüpfen ihre rechtsextreme Ideologie mit Themen wie Ernährung, Sport und Natur. Haben wir es heute mit einer Art «Lifestyle-Faschismus» zu tun? Auch auf der linken Seite nehmen gewalttätige Ausschreitungen von Jugendgruppen zu. Woher kommen diese Entwicklungen? Und wie sinnvoll ist es, die Frage zu stellen: «Ist das schon Faschismus?» Hängt von ihrer Beantwortung überhaupt etwas ab?
Barbara Bleisch spricht mit der Philosophin und Bestsellerautorin Eva von Redecker und dem Historiker und Rechtsextremismusforscher Damir Skenderovic.
May 31
1 hr 1 min
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Flüsse, die Rechte haben? Wälder, die denken? Berge, die fühlen? Immer öfter wird gefordert, dass die Natur als lebendiges Gegenüber anerkannt wird – und Rechte erhält. Auch Robert Macfarlane, die wichtigste Stimme des britischen «Nature-Writing», kämpft dafür und erklärt, welche Folgen es hätte.
Schmelzende Gletscher, abnehmende Biodiversität, Aussterben der Arten – es ist an der Zeit, neu über Natur nachzudenken. Der mehrfach ausgezeichnete britische Bestsellerautor Robert Macfarlane macht das in seinen Büchern. Im neuesten Wurf begibt er sich auf Reisen. Von Ecuador über Südindien bis nach Québec begegnete er Flüssen, die er nicht mehr als Landschaftsobjekte, sondern als lebendige Wesen erlebte. In seinem neuen Buch nennt er sie sogar Co-Autoren. Und er fragt sich: Wie gerecht ist ein Rechtssystem, das sich nur am Menschen orientiert?
Was, wenn hinter der ökologischen Krise in Tat und Wahrheit ein Weltbild steht, das den Menschen als Herrscher über die Natur, als Nutzer und Eigentümer versteht? Und was wäre zu tun, um dieses Denken zu überwinden? Was würde es wirklich bedeuten, wenn wir Flüsse, Berge und Wälder als Mit-Wesen verstünden, als Subjekte statt Objekte?
Olivia Röllin spricht mit Robert MacFarlane über den Trost der Flüsse, die Grenzen menschlicher Herrschaft und die Vision eines neuen Gesellschaftsvertrags zwischen Mensch und Natur.
Wiederholung vom 12. Oktober 2025
May 25
58 min
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Paul Morland ist einer der einflussreichsten Demografen weltweit. Und er hat eine alarmierende Nachricht: Nicht mehr die Bevölkerungsexplosion ist die grosse Gefahr für die Welt, sondern das Gegenteil: Wir könnten bald zu wenige sein. Wie kam es dazu und was lässt sich dagegen tun?
Bereits leben über acht Milliarden Menschen auf der Welt. Auch wenn diese Zahl derzeit weiter wächst, die Überbevölkerung ist langfristig nicht das Problem. Denn ab dem Jahr 2080 soll die Menschheit laut Berechnungen der UNO wieder schrumpfen. Mit verheerenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft, warnen führende Demografen, darunter Paul Morland. Der Brite ist ein Experte auf diesem Gebiet und warnt vor einem «demografischen Armageddon», das auch Länder wie die Schweiz langfristig nicht mit Zuwanderung werden lösen können.
Ist das reine Panikmache oder eine grössere Gefahr als die Klimakrise, wie Paul Morland sagt? Barbara Bleisch ist zu Gast am St. Gallen Symposium und fragt bei ihm nach.
May 24
1 hr
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Beschleunigung, Zeitdruck, Stress. Der moderne Mensch rennt gegen die Zeit und verpasst dabei allzu oft den Moment, das Jetzt. Doch was ist dieses Jetzt? Wem gehört meine Zeit? Und wie wollen wir am Ende des Lebens gelebt haben? Darüber spricht Yves Bossart mit dem Philosophen Udo Marquardt.
Teilzeitarbeit liegt im Trend. Fast 40 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten Teilzeit. Mehr Zeit für die wichtigen und schönen Dinge im Leben. Das wäre das Ziel, findet auch der Philosoph Udo Marquardt. Doch der moderne Mensch sei gefangen im Strudel der Beschleunigung. Wie also kommen wir da wieder raus? Und wie hat das Ganze angefangen?
Udo Marquardt erzählt in seinem Buch «Zeit und Mensch. Facetten einer Kulturgeschichte» die Geschichte des Zeitverlusts und meint: Die Moderne hat die Zeit zum Fetisch gemacht, zu einem Götzen, der unser Leben diktiert. Höchste Zeit, das zu ändern. Zeit sei nicht abstrakt, sondern immer «meine eigene Zeit», Lebenszeit, meint Marquardt.
Zusammen mit Yves Bossart spricht Udo Marquardt über das Rätsel der Zeit, über die Anfänge der Beschleunigung und über das gute Leben angesichts der Endlichkeit.
May 17
1 hr 1 min
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Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, die Abwahl von Viktor Orbán in Ungarn, Donald Trumps mangelndes Geschichtsverständnis und die Angst vor der Zukunft. Der bulgarische Politologe Ivan Krastev zeigt auf, wie Europa den Disruptionen die Stirn bieten und sich neu erfinden kann.
Unsere Träume sind europäisch, aber unsere Albträume sind national, sagt der in Wien lehrende bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev. Einst als Friedensprojekt gestartet, ist die EU mittlerweile vor allem ein Bündnis alter Ängste und neuer Traumata. Europas liberale Demokratien stehen auf der Kippe, seine wirtschaftliche Kraft scheint zu schwinden, seine Verteidigungsfähigkeit wirkt mehr als fraglich. Wie lässt sich ein europäischer Neustart denken? Könnte es sein, dass dieser Impuls aus dem Osten kommt? Bedeutet die Abwahl Viktor Orbáns gar den entscheidenden Wendepunkt?
Im Gespräch mit Wolfram Eilenberger analysiert Krastev die Zukunftsaussichten eines Kontinents, der im Angesicht von Krieg und Krise neu um seine Freiheit zu kämpfen hat.
May 14
1 hr
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Was prägt ein Leben: der erste Kuss, das Tattoo, das bleibt, oder die Midlife-Krise, in der plötzlich alles infrage steht? Der Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt sagt: Nicht die Ereignisse selbst formen unser Leben, sondern die Art und Weise, wie wir sie zu Erfahrungen machen.
Warum werden manche Momente zu Wendepunkten, während andere spurlos vergehen? Wie verwandelt sich ein peinlicher Augenblick in eine Geschichte, die wir immer wieder erzählen – oder in eine innere Narbe, an der wir festhalten? Und was geschieht mit unseren Erinnerungen, wenn wir Erlebnisse ständig wiederholen, durchdenken oder im Kopf alternative Lebensverläufe entwerfen?
Fritz Breithaupt, Professor für Germanistik und Kognitionswissenschaft an der University of Pennsylvania, hat mit seinem Buch «Einmal, zweimal, keinmal. Wie wir Erfahrungen machen» eine Theorie des Erfahrungslebens vorgelegt. In der «Sternstunde Philosophie» spricht er mit Olivia Röllin über die Faszination des Neuen, die Macht der Wiederholung – und darüber, wie es gelingen kann, auch in Zeiten permanenter Reizüberflutung mit Social Media oder künstlicher Intelligenz zu tiefen, sinnstiftenden Erfahrungen zu kommen, statt sich von Ereignis zu Ereignis treiben zu lassen.
May 10
1 hr
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