Michael Erlhoff – Texte
Michael Erlhoff – Texte
: fiktionale Texte von Michael Erlhoff, gelesen von Uta Brandes
Ein Podcast mit den unterschiedlichsten Texten des wunderbaren Michael Erlhoff (1946-2021), die bisher alle unveröffentlicht sind. Neben seinen Fachschriften und -büchern hat der Design-und Kulturtheoretiker immer auch – sozusagen im Nebenbei – Fiction geschrieben. Meist allerdings (er war ein Fan der kurzen Form und wurde aus Neugier schnell ungeduldig, wenn etwas ausführlich „zu Ende“ gebracht werden sollte) blieben diese Texte Fragmente. Aber ich denke, sie sind es wirklich wert, zu Gehör gebracht zu werden. Und deshalb habe ich beschlossen, unter Mithilfe von Ute Vogel, Designerin, Social Media-Autorin sowie Mitinitiatorin von „Die Herbergsmütter“, diese meist unvollendeten Texte in einem Podcast öffentlich zu machen. Also: sich einfach drauf einlassen, zuhören und sich an den eigen-sinnigen und vielleicht merkwürdigen Texten erfreuen. Sie werden gesprochen von Uta Brandes, die mit Michael über 50 Jahre liebend und diskutierend zusammenlebte. Vita von Michael Erlhoff: https://www.be-design.info/michael-erlhoff
Celler Volksmöbel
Er ging gemeinsam mit ihr zur hinteren linken Tür der Limousine, öffnete sie und half ihr beim Einsteigen. Dann lief er hinten herum zur rechten hinteren Tür, öffnete diese und kletterte selber in das Auto. Ein großer Audi. Das hatte er gesehen beim Blick auf das Hinterteil des Wagens. Etwas erstaunte ihn: Vorne saßen zwei Fahrer, der eine am Lenkrad, der andere auf dem rechten vorderen Sitz. Die Limousine ruckte los, musste aber sogleich wieder anhalten, da vor den Straßenbahnschienen und ebenfalls dahinter ganz altmodisch Schranken heruntergingen und die Weiterfahrt versperrten. ...
Sep 7, 2023
22 min
Celler Volksmöbel
Er lief zu Fuß zurück ins Hotel. Zuerst zur Aachener Straße, etwas später überquerte er die Ringe am Rudolfplatz, sauste dann die Mittelstraße entlang an der Aposteln-Kirche vorbei zur Breite Straße. Von dort über die Nord-Süd-Fahrt in Richtung Dom und schließlich in das Hotel. An der Rezeption teilte man ihm mit, jemand habe telefonisch nach ihm verlangt. „Hat der eine Nachricht oder eine Nummer hinterlassen?“ „Nein“, antwortete der Portier, „Sie hat, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass Sie nicht anwesend seien, sofort aufgelegt.“ „Sie? Eine Frau?“ Ein wenig grinste bei dieser Frage der Portier: „Ja. Eine weibliche Stimme. Ohne Zweifel. Und sogar, bitte verzeihen Sie diese Anmerkung, eine attraktive Stimme.“ ...
Aug 31, 2023
26 min
Celler Volksmöbel
Das Flugzeug landete sehr früh am Morgen in Frankfurt. Während des Flugs hatte er selber gespürt, wie aufmerksam er ab jetzt alles um ihn herum beobachtete. Möglichst unauffällig, selbstverständlich. Oder war das egal? Konnte er ruhig allen zeigen, dass er merken würde, wenn etwas geschehen sollte? Auf jeden Fall hatte er sich im Flugzeug sehr genau versichert, wer in seiner Nachbarschaft saß. Selbst in der Nacht war er ständig aufgeschreckt, wenn sich etwas in seiner Nähe bewegt hatte. Aber nichts war passiert, er blickte jetzt nur sehr unausgeschlafen in die Welt. ...
Aug 24, 2023
23 min
Celler Volksmöbel
Die Fähre legte ab, schwamm mit brummendem Motor zuerst für einige Minuten geradeaus und steuerte dann in einem großen Bogen weiter nach links. Er hatte sich an Bord sofort zum Bug des Schiffes begeben, die hölzerne Rückenlehne der Holzbank so gekippt, dass er vorne aus den Fenstern schauen konnte. Es gab Querverkehr, ein größeres Transportschiff schipperte in der Mitte dieser riesigen Hafenpassage quer zu den beiden Ufern und blockierte so für einige Zeit die Fähre. Die stand deshalb still und schwankte zuerst im eigenen Fahrwasser und dann in dem des sie passierenden Frachtschiffs. Aus den Fenstern heraus erblickte er die immer noch aufregende Skyline von Hongkong Island mit den vielen und teilweise sogar interessant gebauten Hochhäusern. Nun bewegte sich die Fähre wieder, und in einiger Entfernung erschien jene Kongresshalle „The Wing“. ...
Aug 17, 2023
24 min
Celler Volksmöbel
In seinem Zimmer fand er hinter der Tür eine Notiz von Sam. Der erklärte darin etwas aufgeregt seine Irritation darüber, dass sie sich nicht getroffen hätten. Er zerriss die Notiz, warf sie in die Toilette und spülte sie weg. Dann schaltete er das Fernsehgerät an, wählte einen Hongkong-Sender, auf dem teilweise in englischer Sprache Pferderennen gezeigt und kommentiert wurden. Während er sich auszog, fiel ihm auf, dass der Kommentar solch eines Pferderennens sich anhörte wie die männlichen Artikulation beim Koitus: Zuerst beschreibt der Kommentator ganz ruhig den Start und die anfängliche Reihenfolge der Pferde. Je näher diese allerdings dem Ziel kamen, desto aufgeregter wurde er, bis sich schließlich am Höhepunkt kurz vor dem Ziel seine Stimme völlig überschlug. Und nach dem Ziel einfach Ruhe. Aus. ...
Aug 10, 2023
22 min
Celler Volksmöbel
Außerhalb jener Tür befand er sich in einer kleinen Gasse. Kein Bürgersteig, lediglich eine holprige Fahrbahn. In der Ferne hörte er Schüsse. Kurz entschlossen rannte er in die Richtung der Gasse, aus der die Schüsse nicht kamen. Kein Mensch in der Gasse, nur er. Und dazu die Rückseiten von Häusern. Kahl, Beton, schroff. Nach etwa zweihundert Metern gelangte er an eine kleine Kreuzung. Geradeaus verlief die Gasse weiter, auf der er rannte, nach links und rechts zweigten andere ab. Immer noch alleine, ohne irgendwelche anderen Menschen, lief er weiter. Bis zu der nächsten Kreuzung. Diesmal mit einer breiten Straße, auf der sich sehr viele Menschen und Fahrzeuge bewegten. Er verlangsamte seinen Schritt, passte sich den anderen an. Als ob er Teil der Menge wäre. Dabei suchte er auf der Fahrbahn nach Taxis. ...
Aug 3, 2023
30 min
Celler Volksmöbel
Die Limousine rollte über die nun wieder breiter werdenden Straßen und überquerte den Fluss. Das war eine andere Brücke als zuvor, kürzer. Direkt hinter dieser bogen sie links ab und gelangten so nach einigen Kurven an das Flussufer. „Das ist die Insel. Hier wohnen die richtig reichen Leute.“ August wirkte zwiespältig bei dieser Aussage, irgendwie stolz und etwas peinlich berührt zugleich. Ja, hier standen große Villen und einige attraktiv aussehende Apartment-Häuser. „Schau mal links. Da steht das Opernhaus von Zaha Hadid.“ ...
Jun 8, 2023
29 min
Celler Volksmöbel
Das Schiff legte auf der rechten Seite des Flusses an. Alle nahmen ihre Koffer und Taschen, verließen über einen etwas wackeligen Steg das Boot und kamen in eine große kühle Halle. Dort stand man Schlange vor der Passkontrolle. Er entschuldigte sich bei August: „Ich muss schnell auf die Toilette. Pass bitte auf meinen Koffer auf.“ August nickte und zeigte mit dem linken Arm in Richtung einer kleinen Tür an der linken Seite der Halle: „Dort.“ Er lief schnellen Schrittes in jene Richtung, fand die Tür, kam in eine dieser furchtbaren chinesischen Toiletten mit dem Loch im Boden. Grauenhaft, wenn man mal den Darm entleeren muss. Zum Glück musste er nicht, zog lediglich sein mobiles Telefon aus dem Jackett und wechselte behände die SIM Card. Die alte steckte er in die andere Tasche seines Jacketts, dann wählte er eine Nummer in Hongkong. ...
Jun 1, 2023
32 min
Celler Volksmöbel
Die Fähre hatte ihn auf die andere Seite zurückgebracht, er war mit einem Taxi ganz in die Nähe seines Hotels zu dem japanischen Nikko Hotel gefahren, dort hineingegangen, hatte die kleine Treppe in das Souterrain genommen, stand nun in einem ganz engen Raum an der Rezeption für die Fußmassage. Eine Chinesin bat ihn, sich hinzusetzen und die Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Als Ersatz erhielt er Schlappen. Etwas später nötigte ihn eine sehr alte Chinesin, sich an ein Waschbecken zu setzen, die Schlappen stehenzulassen, die Füße in das Becken zu stellen, auf dass sie Wasser laufen ließ, seine Füße einseifte und mit einer uralten Bürste rubbelte. ...
May 25, 2023
33 min
Celler Volksmöbel
Tatsächlich kam der, den er angerufen hatte, nach etwa einer Viertelstunde. Der bestellte ein Bier, er noch einen Cocktail derselben Art. Worauf übrigens der Kellner lächelte und sich offensichtlich freute. „Sam. Wie gut, dich wiederzusehen.“ „Ganz meinerseits. Du siehst super aus.“ Der, den er Sam nannte, war ein etwa dreißigjähriger Chinese, schlank, ziemlich groß, jedenfalls größer als er, gekleidet in Jeans, weißem Hemd und blauem Sakko. Seine Stimme war ein wenig fistelig: „Gut, dass du wieder hier bist.“ „Aber du weißt auch, warum.“ „Klar. Du suchst nach den Fälschern.“ ...
May 18, 2023
22 min
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