Künste im Gespräch
Künste im Gespräch
Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)
«Künste im Gespräch» nimmt aktuelle Ereignisse, Publikationen und Veranstaltungen auf und ordnet sie kritisch ein.
Historische Flaschenpost und universelle Gespräche
Die Maison de l’Absinthe in Môtiers präsentiert in einer Ausstellung die abenteuerliche Geschichte von 502 Absinthflaschen, die 120 Jahre auf dem Meeresgrund gelegen sind. Mats Staub schafft in seiner künstlerischen Praxis Räume, die zum Nachdenken und Erzählen einladen. Neu gibt’s ein Buch dazu. Rund 120 Jahre hat sie am Meeresgrund gelegen: eine grüne Flasche. Einst war sie mit Absinth gefüllt, hergestellt im Val-de-Travers, im westlichsten Zipfel des Kantons Neuenburg. Auf einem französischen Dreimaster gelangte sie mit 502 weiteren Absinthflaschen in den Indischen Ozean. Auf dem Weg in die Kolonien. Doch das Schiff sank 1872. Zwei Geschäftsmänner aus der Waadt entdeckten das Schiff – und seine Ladung – Anfang der 1990er Jahre wieder. Eine Ausstellung in der Maison de l’Absinthe in Môtiers erzählt von dieser abenteuerlichen Geschichte. Wann hast du aufgehört, Kind zu sein? Welche Erinnerungen hast du an deine Grosseltern? Welche Todesfälle und Geburten haben dich geprägt? In den letzten 20 Jahren hat Mats Staub viele Gespräche mit Menschen auf der ganzen Welt geführt. Seine sorgsam editierten Video- und Audioinstallationen schaffen Erinnerungsräume und wurden an internationalen Festivals und in Museen gezeigt. Im Buch «The Attentive Stranger» gibt Mats Staub Einblick in seine künstlerische Praxis und erzählt, wie sich seine Arbeit verändert hat in einer Welt, in der Lautstärke, Klicks und Skandale immer mehr den Ton angeben.
May 22, 2025
25 min
More Merch und: Fazit am Neumarkt
Die Intendantinnen des Theaters Neumarkt blicken auf sechs Zürcher Jahre zurück. Und: Merchandise-Artikel spielen nicht nur in der Musik, sondern auch in der Literatur eine immer wichtigere Rolle. Das Zürcher Theater Neumarkt ist das experimentelle Haus zwischen der Institution Schauspielhaus und der freien Szene. Im Sommer endet hier die sechsjährige Intendanz der Kodirektorinnen Hayat Erdoğan, Tine Milz und Julia Reichert. Im Gespräch mit Andreas Klaeui blicken sie zurück auf prägende Theatererlebnisse, das Ankommen in der Stadt und die Möglichkeit von Moral auf der Bühne: Geschichten erzählen mit Ernst, aber ohne den Humorstecker zu ziehen. In der Musik sind Fan-Produkte wie Band-Shirts längst etabliert. Aber auch in der Literatur wird sogenanntes Merchandise immer beliebter: Verlage verkaufen Käppis und Badeschlappen. Mit der Buchveröffentlichung erscheinen Pullis, Socken und Sticker in den Farben des Romans und mit Zitaten bedruckt. Taschen und T-Shirts preisen mit passenden Slogans das Lesen an. Warum wird Merchandise in der Literatur immer wichtiger? Wer trägt diesen Lese-Merch und was erzählen diese Produkte über das Image von Literatur? Tim Felchlin hat in der Literaturbranche und bei Lesefans nachgefragt.
May 15, 2025
27 min
Ein unbekannter Bildhauer und ein streitbarer Trompeter
Der italienische Bildhauer Medardo Rosso revolutionierte um 1900 die Skulptur und ist heute dennoch relativ unbekannt – eine Ausstellung im Kunstmuseum Basel würdigt sein Werk. Wynton Marsalis ist einer der berühmtesten Jazz-Trompeter und ein unermüdlicher Kämpfer gegen gesellschaftliche Missstände. Selbst Kunstinteressierten dürfte dieser Name nicht viel sagen: Medardo Rosso. Rosso war ein italienischer Bildhauer, der die Skulptur um 1900 revolutionierte, ein Zeitgenosse des heute sehr viel berühmteren Auguste Rodin. Inwiefern Rossos Kunst wegweisend war und wieso er heute trotzdem relativ unbekannt ist – das zeigt jetzt eine beeindruckende Ausstellung im Kunstmuseum Basel, die in Kooperation mit dem Mumok Wien entstanden ist. Dort war die Schau bereits im vergangenen Jahr zu sehen – und wurde vom Kunstmagazin «Art» zur besten Ausstellung 2024 im deutschsprachigen Raum gekürt. Wynton Marsalis war auf seinem Peak einer der grössten Trompeter, die je gelebt haben. Noch wichtiger aber ist sein unermüdlicher Kampf gegen gesellschaftliche Missstände in den USA – heute mehr denn je. Als Kind erlebte er den täglichen Kampf seines Vaters gegen Rassismus, als junger Musiker definierte er «Jazz» eng als afro-amerikanische Musik und kämpfte dafür, dass die Tradition als solche respektiert würde. Musikalisch bald in unerreichbaren Höhen unterwegs, blieb sein Leben doch immer ein Kampf – und das «Jazz at the Lincoln Center Orchestra» wurde zu seinem Instrument gegen gesellschaftliche Windmühlen. Warum er diesen Kampf noch immer führt und was ihn beglückt an der Musik, das erzählt er in Künste im Gespräch.
May 8, 2025
28 min
Tanzende Bagger und Musik auf Tiktok
Im Kinospielfilm «Bagger Drama» verarbeitet der Schweizer Filmregisseur und Künstler Piet Baumgartner viel von seiner eigenen Biografie. Und: Tiktok gehört zu der weltweit beliebtesten Social Media-Plattformen. Und die Plattform wird auch immer wichtiger für musikalische Experimente. In seinem neuen Kinospielfilm erzählt der Schweizer Künstler und Filmemacher Piet Baumgartner eine Familiengeschichte: Im Zentrum steht eine mittelständige Schweizer Familie, die eine Baggerfirma hat. Gefühle werden nicht gezeigt oder besprochen, auch nicht die Trauer um die verunfallte Tochter und Schwester. Die Familie droht am Unausgesprochenen zu zerreissen. In «Bagger Drama» steckt viel von Piet Baumgartners eigener Biografie. Das erzählt der Künstler und Filmemacher im Gespräch - und auch davon, wie er auf die Idee gekommen ist, die Bagger tanzen zu lassen. Tiktok gehört zum Lebensgefühl der Generation Z. Junge Menschen aus aller Welt erstellen und teilen kurze Videos zu allen möglichen Themen. Tiktok ist auch ein Raum, wo musikalische Identitäten ausgelebt werden: von Pop über Jazz bis zu Folklore oder Oper. Musikwissenschaftler Juan Bermúdez der Universität Graz hat erstmals in einer ethnographischen Langzeitstudie erforscht, wie mit und in der App musikalisch interagiert wird, wie kreative Opernformate entstehen und wie sich die Hörgewohnheiten der Nutzerinnen und Nutzer verändern.
May 1, 2025
27 min
Eine literarische Entdeckung und eine Clownfigur, die abtritt
Im Nachlass der österreichischen Schriftstellerin Mela Hartwig ist ein Roman von 1943 über eine gescheiterte Emanzipation aufgetaucht. Gardi Hutter hat mit ihrer Clownfigur Hanna Schweizer Kulturgeschichte geschrieben. Nun ist sie nach über 4000 Vorstellungen in 35 Ländern auf Abschiedstournee. In den 1920er Jahren war die Österreicherin Mela Hartwig ein aufsteigender Stern am Literaturhimmel. Und das mit dezidiert feministischen Texten. «Das Weib ist ein Nichts» hiess ihr erster Roman von 1928. Es sollte der einzige bleiben, den sie zu Lebzeiten publizieren konnte. Sie war Jüdin und musste fliehen. Im Londoner Exil interessierte sich niemand für ihre Bücher. Nun ist in ihrem Nachlass ein Roman von 1943 aufgetaucht: «Der verlorene Traum», über eine gescheiterte Emanzipation. Franziska Hirsbrunner spricht mit der Autorin und Hartwig-Kennerin Julya Rabinovich. Mela Hartwig. Der verlorene Traum. Roman. 223 Seiten. Droschl Verlag. Nach 44 Jahren und über 4000 Vorstellungen macht Gardi Hutter mit ihrer Clownfigur Schluss. Mit der kugelrunden, verschrobenen und liebenswürdigen Hanna hat sie 35 Länder bereist und Schweizer Kulturgeschichte geschrieben. Auf einer grossen Abschiedstournee verabschiedet sich die 72-jährige Künstlerin nun von ihren berühmten Soloprogrammen, weil sie Kopf und Herz freimachen will für ein neues Bühnenprojekt. Eine Würdigung ihres Lebenswerks von Kaa Linder und eine humorvolle Lektion in Sachen «loslassen».
Apr 24, 2025
27 min
Comics von heute und Tanz von gestern
Die ganze Welt in schwarz und weiss: Thomas Otts Comics. Und: Josephine Baker kämpfte gegen Rassismus und Antisemitismus: ein Porträt zum 50. Todestag der Tänzerin. Er ist einer der bekanntesten Schweizer Comic-Künstler: der Zürcher Thomas Ott. Berühmt ist er für seine düsteren Comics und Graphic Novels, die ausschliesslich in Schwarz-Weiss gehalten sind und ohne Text auskommen. Sein Markenzeichen sind Arbeiten in Schabkarton: Um ein Bild zu zeichnen, kratzt Ott die hellen Flächen mit einem Cutter aus dem dunklen Papier. 2017 wurde Ott als erster Comiczeichner mit dem Schweizer Grand Prix Design ausgezeichnet. Das Cartoonmuseum Basel zeigt in einer grossen Retrospektive Otts Arbeiten aus den vergangenen 40 Jahren. Als mittellose Schwarze im Süden der USA aufgewachsen, schaffte es Josephine Baker Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit an die Spitze der Entertainment-Industrie. Sie ist ins kulturelle Gedächtnis eingegangen als Tänzerin, die im Bananenrock Charleston tanzte und viel schwarze Haut zeigte. Doch Josephine Baker, die über 50 Jahre auf der Bühne stand und nur fünf davon im Bananenrock, lässt sich nicht auf rassistisch-stereotype Klischees reduzieren. Als Aktivistin setzte sie sich international für die Freiheit als universelles Menschenrecht ein und kämpfte gegen Rassismus und Antisemitismus.
Apr 17, 2025
28 min
Sprache ist Musik und das Jahrhundertbuch «Der grosse Gatsby»
Überall lebt man die Lust am Lautmalerischen: ein Streifzug durch klingende Sprache und Musik. – Der Roman «Der grosse Gatsby» von F. Scott Fitzgerald ist 100 Jahre alt und bietet einen erhellenden Blick auf eine imperiale USA. Ausgehend vom Lateinwort des Jahres 2024, das auf eine Mauer in Pompeii geschrieben wurde und offenbar einen Fanfarenklang nachahmt, unternimmt Raphael Zehnder mit Stefan Stirnemann, dem Churer Lateinlehrer und Publizisten, einen Streifzug durch klingende Sprache und Musik: von Goethes «Hochzeitlied» über Donald Duck und Cab Calloways «Minnie The Moocher» bis zu Morgensterns «Grossem Lalula». Sprache ist (auch) Musik, und überall lebt man die Lust am Lautmalerischen. «In unseren Wörtern sind wir alle verbunden und haben alle dieselbe Staatsbürgerschaft», lautet eine von Stirnemanns Erkenntnissen. «Der grosse Gatsby» des US-Amerikaners F. Scott Fitzgerald erschien vor genau 100 Jahren, am 10. April 1925. Der Roman zählt heute zu den weltweit meistgelesenen Werken der Literatur. Das Buch sei von beklemmender Aktualität, sagt Philipp Schweighauser, Professor für Nordamerikanische Literatur an der Universität Basel. Fitzgerald machte in seinem Roman etwa den Rassismus, das imperiale Streben oder das Überlegenheitsdenken der USA zum Thema – und biete damit einen erhellenden Blick auf die USA unter Trump. F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby, erhältlich in diversen (Neu-)Übersetzungen und Verlagen.
Apr 10, 2025
27 min
Getanzte Resistenz und «Comeback» der Comedienne Eugénie Rebetez
Mit «Surviving Superbugs – A Dance To Resist» präsentiert das diesjährige Interfinity Festival in Basel eine Performance, die Wissenschaft, Musik und Tanz zusammenbringt. – Und mit dem Stück «Comeback» kehrt die jurassische Tänzerin, Choreografin und Comedienne Eugénie Rebetez auf die Bühne zurück. Sie sind eine der grossen Gefahren im Gesundheitswesen: die Antibiotika-Resistenzen. Nun widmet sich ein Musikfestival diesem brisanten Thema: «Surviving Superbugs – A Dance To Resist», so heisst das Projekt am diesjährigen Interfinity Festival in Basel mit einem eigens dafür komponierten Stück und einer Tanzperformance. Der Anlass soll eine Symbiose zwischen Wissenschaft, Musik und Tanz werden. Für die Musik verantwortlich ist der renommierte israelische Komponist Yair Klartag. Musikredaktorin Annelis Berger befragte ihn zu diesem ungewöhnlichen Kompositionsauftrag. Vor 15 Jahren kreierte die Jurassierin Eugénie Rebetez ihre Bühnenfigur «Gina». Diese etwas naiv scheinende junge Frau, erfrischend offen und vorlaut, spielte sich in die Herzen des Publikums. Es folgten zwei weitere Solos, «Encore» und «Bienvenue». Dann wurde es ruhiger um die Tänzerin, Choreografin und Comedienne Rebetez. Jetzt ist sie, um einige Jahre und Erfahrungen reicher, zurück auf der Bühne. Im Gespräch mit der Tanzkritikerin Maya Künzler erzählt sie von ihrem neuen Solo «Comeback», ihrer Arbeitsweise und den Fragen, die sie als Künstlerin und private Person umtreiben.
Apr 3, 2025
26 min
Pierre Boulez und Paras Sibalukhulu
Der französische Komponist und Dirigent Pierre Boulez (1925-2016) hinterliess ein Werk, das nachwirkt, etwa das Forschungs- und Kreationslabor IRCAM in Paris. – Tranceartige, spirituelle Musik macht Paras Sibalukhulu aus Südafrika. Derzeit tritt er in der Schweiz auf. Am 26. März wäre Pierre Boulez 100 Jahre alt geworden. Der Komponist und Dirigent war einer der wichtigsten Avantgardisten des 20. Jahrhunderts. Er prägte die neue Musik mit seinen Kompositionen und schuf bis heute führende Institutionen. Etwa das IRCAM in Paris: Boulez entwickelte dieses Forschungs- und Kreationslabor für elektronische Musik, und dessen Direktor Frank Madlener erzählt, wie Boulez’ Ideen heute noch inspirieren. Der Komponist initiierte auch die Lucerne Festival Academy: «Er hat uns mit seiner Energie, Disziplin und Leidenschaft bereichert», sagt der Dramaturg Mark Sattler. Trancehafte Musik mit ungeheurer Dringlichkeit und ein Publikum wie an einem Gospel-Gottesdienst: Das hat Jonas Ruther erlebt, als er mit südafrikanischen Musikern zwischen Johannesburg und Capetown tourte. Seine intensiven Konzert-Erfahrungen möchte der Schweizer Schlagzeuger nun auch mit dem hiesigen Publikum teilen und lädt seine südafrikanischen Musikerkollegen deshalb in die Schweiz ein. Kurz vor der Tour hat sich Annina Salis über die einzigartige Energie des südafrikanischen Jazz unterhalten, mit Jonas Ruther und dem südafrikanischen Zulu-Sänger Paras Sibalukhulu.
Mar 27, 2025
27 min
Rainer Maria Rilke im Trend und Jodokcello auf Welttournee
Der österreichische Lyriker Rainer Maria Rilke wird bis heute verehrt, nicht nur in Popsongs. Junge Menschen rezitieren heute auf den sozialen Medien seine Gedichte. – Der Emmentaler Jodok Vuille hat als Cellist das Netz erobert und geht jetzt auf Welttournee. Rilke ist in – auch 150 Jahre, nachdem er geboren wurde. Seine Gedichte wie «Der Panther» oder «Herbsttag» tauchen in Popsongs auf. Junge Menschen schwärmen auf TikTok und Instagram von Rilkes Texten und rezitieren seine Gedichte. Und Musik-Ikonen wie Lady Gaga lassen sich Rilke-Zitate tätowieren. Warum begeistert diese über hundert Jahre alte, oft melancholische Sprache eine junge Generation bis heute? Und was macht Rainer Maria Rilke für Instagram und TikTok tauglich? Eine Buch-Influencerin und ein Popsänger erzählen von der Faszination für Rilke. Der Emmentaler Jodok Vuille spielt Pop-Covers auf dem Cello. Seine Bühne: Instagram, TikTok und Co. Bekannt geworden ist er mit Musik-Videos vor spektakulärer Schweizer Bergkulisse. Mittlerweile hat er mehr als elf Millionen Follower auf den sozialen Medien. Er hat mit internationalen Musik-Grössen wie Lindsey Stirling und Teddy Swims gearbeitet, zieht Werbeverträge an Land und trat vor der katarischen Königsfamilie auf. Seinen Job als Musik- und Sportlehrer hängt er nun an den Nagel, um sich ganz auf «Jodokcello» zu konzentrieren und auf eine Welttournee zu gehen.
Mar 20, 2025
27 min
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