Auf den Tag genau
Auf den Tag genau
Jan Fusek, Fabian Goppelsröder und Robert Sollich
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Gegen Hindenburg und eine fatale deutsche Neigung zur Gefühlspolitik
Über die Zahl der Unentschlossenen gab es am 24. April 1925, zwei Tage vor dem zweiten und entscheidenden Durchgang bei den deutschen Reichspräsidentenwahlen, anders als heute, kaum belastbare Umfragedaten. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen zogen die Leitartikler noch ein letztes Mal los, die Zweifelnden und Schwankenden von den besseren Argumenten zu überzeugen. Der Hamburger Anzeiger ging dabei weit in der Geschichte zurück, um dort eine fatale Neigung zu in Deutschland identifizieren, sich im Zweifelsfall, statt vom Verstand, von Gefühlen, und dabei allzu oft auch noch von den falschen leiten zu lassen. Wie richtig er mit dieser Ahnung lag, sollte sich 48 Stunden bestätigen. Frank Riede ist für uns noch voller Hoffnung.
Apr 24, 2025
11 min
Urteil im Tscheka Prozess
Die kommunistische Untergrundorganisation, der die Weimarer Presse den Namen Deutsche Tscheka gab, plante politische Morde, Sprengstoffattentate, und weitere Aktionen, die das Deutsche Reich destabilisieren sollten, um einen kommunistischen Umsturz herbeizuführen. Sie verübte allerdings lediglich einen Mord an einem Mitglied der Gruppe, das man verdächtigte, ein Spitzel zu sein. Die Gruppe war, inklusive ihrer Verbindungen nach Russland, aufgeflogen und es wurde über sie vor dem Volksgerichtshof in Leipzig geurteilt. Die Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 23. April 1925 berichteten von der Urteilsverkündung. Die aktiven Mitglieder, die teilweise die Planungen zugaben, wurden zu Tode verurteilt. Wahrscheinlich könnte man auch an diesem Urteil zeigen, dass die Justiz geplante Gewalt von links schärfer bestrafte, als tatsächliche rechte Gewalt. Allerdings wurden diese Urteile nicht vollstreckt, ein Teil der Verurteilten wurde im Austausch gegen unter Spionageverdacht verhaftete deutsche Studenten an Russland übergeben. Es liest Rosa Leu.
Apr 23, 2025
7 min
Gegen Hindenburg, für die Vereinigten Staaten von Europa
Am 22. April 1925, vier Tage vor dem zweiten Wahlgang zum Reichspräsidenten, standen natürlich alle Leitartikel im Zeichen der Frage Marx oder Hindenburg – erst recht in einer sozialdemokratischen Zeitung wie dem Lübecker Volksboten. Und doch weitet der Kommentar „Europas Schicksalsstunde“ noch einmal den Blick und diskutiert die bevorstehende Abstimmung in Deutschland in Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen in Frankreich, wo sich der um einen Ausgleich mit Deutschland bemühte linke Premierminister Èdouard Herriot soeben genötigt gesehen hatte, wegen der anhaltenden Wirtschafts- und Finanzkrise von seinem Amt zurückzutreten. Die Mahnung, der Weg zu Frieden und Wohlstand in Europa führe nur über eine funktionierende Achse Paris – Berlin und müsse sich, so die tatsächlich bereits hier vorkommende Formulierung, „Vereinigte Staaten von Europa“ zum Ziel nehmen, klingt bedrückend aktuell. Es liest Frank Riede.
Apr 22, 2025
8 min
Die Damenmode des Jahres 1925
„Es ist alles schon mal dagewesen“ – dieses alte, dem jüdischen Gelehrten Rabbi Akiba zugeschriebene Bonmot kommt einem bei unserem heutigen Artikel über die Damenmode des Jahres 1925 nicht nur in den Sinn. Er findet sich dort auch geschrieben, denn auch schon die Damenmode des Jahres 1925 wurde seinerzeit, zumindest von der anonym bleibenden Autorin der Altonaer Neuesten Nachrichten vom 21. April, als Wiedergängerin älterer Mode erkannt, weshalb jene die aufgeheizten Debatten über den Bubikopf und die aufgekommene Unisex-Kleidung versucht etwas zu entdramatisieren. Auf die Vorherrschaft eher maskuliner Linien folge mit Sicherheit wieder eine femininere Welle, beruhigt der Text auch alle in ihrer geschlechtlichen Identität verunsicherten Männer, weil das allgemeinste Gesetz der Mode nun einmal der Wandel ist. Es liest Rosa Leu.
Apr 21, 2025
9 min
Klassik is’ knorke - Zur Idee der Kinderkonzerte
Das Lamento über die Überalterung des Publikums klassischer Konzerte ist wahrscheinlich so alt wie diese bürgerliche musikalische Darbietungsform selbst. Auch schon vor einhundert Jahren sorgte man sich jedenfalls um den kulturaffinen Nachwuchs und in den USA, erfahren wir im Pinneberger Tageblatt vom 20. April 1925, sogar noch ein paar Jahrzehnte länger. Deshalb war man dort auf die Idee verfallen, eigene Kinderkonzerte anzubieten und auf diese Weise ein junges Publikum für die klassische Musik heranzuziehen. Wie sich dieses Genre dort entwickelt hatte, wie also ein solches Kinderkonzert aussehen konnte und wie sich derartige Veranstaltungsreihen, zumindest in Amerika, finanzieren ließen, hat für uns Frank Riede in Erfahrung gebracht.
Apr 20, 2025
7 min
Der Bombenanschlag auf die Kathedrale Sweta Nedelja in Sofia
Erst vor wenigen Wochen hat sich mit dem Pinneberger Tageblatt eine Zeitung hier im Podcast neu vorgestellt, jetzt zieht mit dem Oldesloer Landboten ein weiteres südholsteinisches Blatt nach, dessen Einzugsgebiet sich indes, wie auch das des Pinneberger Tageblattes, bis in heute hamburgisch eingemeindete Gemeinden erstreckte. Thematisch freilich schweift der Blick hier deutlich weiter in die Ferne, als man vom Oldesloer Kirchturm schauen konnte: In der bulgarischen Hauptstadt Sofia war einer der bis heute blutigsten Anschläge der europäischen Geschichte auf die Kathedrale Sweta Nedelja verübt worden. Die genaue Zahl der Opfer konnte man nie ermitteln. Entgegen den noch sehr widersprüchlichen Spekulationen vom 19. April 1925 kam wohl kein Regierungsmitglied bei dem Attentat ums Leben. Bestätigt haben sich hingegen die Vermutungen, die Drahtzieher in Moskau zu verorten, wo man damals mit Terror zahlreiche Staaten in Ost-Mitteleuropa zu destabilisieren trachtete. Es liest Rosa Leu.
Apr 19, 2025
10 min
Die neue Lichtwarkschule
Zu den meistbeachteten Reformschulprojekten der Weimarer Zeit zählte die Hamburger Lichtwarkschule, benannt nach Alfred Lichtwark, Begründer der Kunsterziehungsbewegung und erster Direktor der Hamburger Kunsthalle. Bereits 1914 gegründet, fristete sie die ersten zehn Jahre ihres Bestehens ein eher kümmerlich ausgestattetes Dasein in einem Provisorium in Winterhude. Umso stolzer geriet endlich der 1925 eröffnete Neubau nach Plänen Fritz Schumachers südlich des Stadtparks, den der Hamburger Anzeiger am 18. April denn auch ausgiebig feierte. Dass der Schulbetrieb hier nur etwas mehr als ein Jahrzehnt aufrechterhalten wurde, war damals selbstverständlich nicht abzusehen. 1937 beendeten die Nazis das bei ihnen von Anfang an verhasste reformpädagogische Experiment und fusionierten die vormalige Lichtwarkschule mit dem nahegelegenen Heinrich-Hertz-Realgymnasium. Immerhin überlebte das Gebäude (inklusive der im Text erwähnten Orgel von Hans Henny Jahn) trotz einiger Beschädigungen den Krieg und beherbergte später prominent gewordene Schüler wie Ralf Dahrendorf, Wolf Biermann oder Klaus-Michael Kühne. Es liest Frank Riede.
Apr 18, 2025
9 min
Kleine Berliner Lebensbilder
Man könnte die Ansicht vertreten, dass sich das wahre Wesen einer Zeit in ihren vermischten kleinen Nachrichten äußert - nicht der große Leitartikel, sondern die Faits Divers bildeten das echte Leben ab. Ob dem wirklich so ist, wollen wir gar nicht beurteilen, sichern uns aber für den Fall, dass es stimmt, dadurch ab, dass wir hin und wieder diese kleine Form in unserer Auswahl bedienen. In der heutigen Folge tun wir es zusammen mit den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 17. April 1925. Der Autor, der gestern von den Ausstellung der Totenmasken an Berliner Universität berichtet hatte, wir erinnern uns an sein Kürzel „UE“, brachte wohl auch „Kleine Berliner Lebensbilder“ aus der Hauptstadt mit. In ihnen geht es um Justizwahnsinn, geheime Alkoholherstellung und einen Bubikopf. Präsentiert werden sie für uns von Rosa Leu.
Apr 17, 2025
6 min
Menschen und ihre Totenmasken
Die Anfertigung von Totenmasken ist eine uralte Kulturtechnik. Zu den bekanntesten Beispielen aus der Frühgeschichte zählt die goldene Maske des Tutenchamun. Nachdem diese Tradition in der Renaissance wieder auflebte, erkannte man den Totenmasken im 19. Jahrhundert einen künstlerischen und musealen Wert zu. In diesem Zuge entstand die Sammlung an der Berliner Universität, die heute noch Bestandteil der Sammlungen der Humboldt-Universität ist. Am 16. April 1925 war ein Autor der Altonaer Neuesten Nachrichten, der mit dem Kürzel UE signiert, nach Berlin gereist, um sich eine Ausstellung an eben dieser Universität anzusehen und über sie zu berichten. Wessen Abbild er zwischen den Totenmasken von Schiller, Voltaire und Robespierre dort noch begegnete, weiß Frank Riede.
Apr 16, 2025
9 min
Der Prince of Wales muss auf Weltreise
Die Repräsentationsaufgaben britischer Monarchen und ihrer Thronfolger sind enorm und waren das auch schon vor einhundert Jahren. Das Empire, über das sie, nun ja, herrschten, war seinerzeit bekanntlich noch bedeutend größer und es zu bereisen, gestaltete sich erheblich beschwerlicher. Um diese Pflichten dem Prince of Wales, bei dem es sich um den späteren Kurzzeitregenten Edward VIII. handeln muss, dennoch so angenehm wie möglich zu gestalten, hatte man den weltkriegserprobten Schlachtkreuzer Repulse mit allerlei mondänen Extras versehen. Der Berichterstatter des Hamburger Anzeigers ist in seinem Artikel vom 15. April 1925 dennoch voll des Bedauerns für den als Lebemann geltenden Prinzen im Angesicht einer ihm bevorstehenden Weltreise. Und er sollte in seiner Einschätzung Edwards tatsächlich recht behalten: Nach nur wenigen Monaten im „Amt“ verzichtete dieser 1936 auf die Krone, heiratete eine Bürgerliche und zog sich in sein geliebtes Paris zurück, von dem auch hier schon die Rede ist. Es liest Rosa Leu.
Apr 15, 2025
6 min
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